Full text : Der Mündliche Vortrag. Zweiter Teil. Die richtige Betonung und die Rhythmik der deutschen Sprache. (2)

184  Der  rhythmische  Ton.

auer  es  ist,  was  die  rhythmische  Betonung  bewirkt,  und
daß  die  Tonhöhe  nur  untergeordnet,  nur  so  weit  mitthätig  ist.
als  man  überhaupt  einen  stärkern  Ton  unwillkürlich  auch  etwas
höher  ausspricht.  Wie  sehr  man  sich  vor  dem  Accentuieren  durch
gesteigerte  Tonhöhe  hüten  muß  ist  schon  mehrfach  erwähnt  worden.

Demnach  sind  Arsis  und  Thesis,  wörtlich  genommen,
eigentlich  unrichtige  Bezeichnungen.  Da  sie  indessen  allgemein
eingeführt  sind,  mögen  sie  auch  hier  gebraucht  werden,  da  für
ihren  Begriff  doch  eine  Bezeichnung  nötig  ist.  Unter  Arsis  versteht
  man  dann  die  schwere  Silbe  eines  Versfußes,  Thesis  bezeichnet
  dagegen  die  leichte  oder  die  leichten  Silben  eines  Versfußes.

Unter  Versfuß  versteht  man  eine  gewisse  Anzahl  von  Silben,
von  bestimmter  rhythmischer  Gliederung.  Ein  Versfuß  kann  nicht
weniger  als  zwei  Silben  haben.

Vom  Versfuß  ist  wohl  zu  unterscheiden  der  Wortfuß.  Obschon
  dieses  Wort  nicht  sonderlich  richtig  gebildet  ist,  so  verbindet
man  doch  einen  bestimmten  Sinn  damit.  Wortfuß  heißt  demnach
ein  Wort  in  rhythmischer  Beziehung,  insofern  es  eine  gewisse
Anzahl  schwerer  und  leichter  Silben  in  bestimmter  Reihenfolge
hat.  Das  Wort  „alle“  ist  also  ein  trochäischer  Wortfuß  (—J.
das  Wort  „gehoben“  ein  amphibrachischer  ((—  D,  das  Wort
„tapfere“  ein  daktylischer  (-  D.

Es  ist  für  den  Versbau  eine  feststehende  Regel  daß  der
Wortfuß  nicht  mit  dem  Versfuß  zusammenfalle,  daß  vielmehr
die  Versfüße  durch  Zerschneidung  der  Wörter  gebildet  werden.
Diese  Zerschneidung  heißt  Cäsur.  Fällt  der  Wortfuß  mit  dem
Versfuß  zusammen,  so  entsteht  eine  Eintönigkeit,  die  unangenehm
klingt.

Morgen  kommen  viele  Leute
Kaufen,  feilschen,  rennen,  laufen.

Wohlklingender  lautet  der  Vers  mit  Cäsuren:

Seht  ihr  dort  die  alter  grauen
Schlössersich  entgegen  schauen.

Der  Versfuß  entspricht  ziemlich  dem  Takte  in  der  Musik.
Er  ist  in  einer  Reihe  in  rhythmischer  Regelmäßigkeit  aufeinanderfolgender
  Silben  ein  Abschnitt,  eine  Abteilung,  wie  der  Takt
bine  Abteilung  von  Tönen  ist,  die  zusammen  ein  Musikstück
ilden.

Das  Taktgefühl  nun  bestimmt  uns  diese  Abteilungen  nach
den  schweren  Silben  zu  machen.  Das  heißt  jede  schwere  Silbe