Volltext : Realienbuch Nr. 3 (3)

1  Geschichte.  25

sorgte  für  die  Ausbildung  der  Geistlichen  uud  forderte  von  ihnen,  daß  sie  ein  vorbildliches
  Leben  führten.  Sie  sollten  darüber  wachen,  daß  das  Dolk  den  Sonntag
heiligte,  den  Gottesdienst  besuchte,  sowie  Daterunser  und  Glaubensbekenntnis  wußte.
heidnische  Gebräuche  suchte  er  auszurotten.  Um  den  Lirchengesang  zu  verbessern,
richtete  er  Gesangschulen  ein.  Zu  Bischofssitzen  und  in  Klöstern  wurden  Schulen
gegründet,  in  denen  die  Kinder  der  Freien  und  hörigen  in  Religion,  Lesen  und
Schreiben  unterrichtet  werden  sollten.  Die  Schule  am  Nönigshofe  besuchte  der  Kaiser
nicht  selten  selbst  (Gedicht:  Wie  Kaiser  Karl  Schulvisitation  hielt).  In  seinem  Testament
  bestimmte  er  zwei  Drittel  seines  Dermögens  für  die  Kirche.

e)  Sorge  für  Wissenschaft  und  Kunst.  Karl  verstand  und  sprach  die
lateinische  und  die  deutsche  Sprache;  auch  lesen  konnte  er.  Das  Schreiben  aber  hatte
er  in  der  Jugend  nicht  gelernt.  Er  suchte  es  später  nachzuholen  und  übte  sich  darin
mit  vieler  Mühe  noch  im  Mannesalter.  Zus  fernen  Ländern  rief  er  Gelehrte  herbei,
die  der  hofschule  vorstanden.  Sie  schufen  Lehrbücher  und  eine  Predigtsammlung  für
Geistliche.  Einer  von  ihnen  hat  auch  Karls  Lebensgeschichte  geschrieben.  An  dem  Hofe
zu  Kachen  wurde  eine  Büchersammlung  eingerichtet;  die  alten  deutschen  Heldengesänge
ließ  Karl  sorgfältig  sammeln  und  aufschreiben.  Wenn  er  beim  Mahle  saß,  wurde  häufig
aus  geschichtlichen  Ichriften  vorgelesen.  Seine  LCiebe  zur  Baukunst  zeigte  er  dadurch,  daß
er  die  Marienkirche  in  Kachen,  sowie  die  Dfalzen  zu  Ingelheim  und  Kachen  errichtete.

f)  Jorge  für  handel  und  Derkehr.  Um  den  handel  zu  erleichtern,  ließ
Karl  Landstraßen  anlegen  und  bei  Mainz  eine  Brücke  über  den  Rhein  schlagen.  Er
wollte  sogar  Donau  und  Main  durch  einen  Kanal  verbinden;  das  Merk  wurde  aber
nicht  ausgeführt.  Uber  Maße  und  Gewichte  traf  er  Knordnungen;  auch  ließ  er  Silbermünzen
  mit  seinem  Uamen  und  Titel  prägen,  die  im  ganzen  Reiche  galten.  Zußer
ihm  durfte  niemand  im  Frankenreiche  Geld  herstellen  lassen  (königliches  Münzrecht).

5.  Karl  wird  römischer  Kaiser.  Der  Hapst  war  von  mächtigen  geinden  aus
Rom  vertrieben  worden  und  nach  Deutschland  geflohen.  Karl  überstieg  mit  einem  heere
die  Klpen  und  führte  den  Nirchenfürsten  wieder  zurück.  Kls  er  am  Weihnachtsfeste  in
der  Peterskirche  am  Kltar  kniete,  setzte  ihm  der  Dapst  unvermutet  eine  goldene
Krone  auf  das  haupt,  beugte  seine  Knie  vor  ihm  und  begrüßte  ihn  als  „römischen
Kaiser“.  Da  die  römischen  Kaiser  einst  das  mächtigste  Reich  der  Erde  beherrscht  hatten,
galt  dieser  Titel  als  das  Seichen  der  Weltherrschaft.  Die  Krönung  Karls  bedeutete
also,  daß  das  untergegangene  römische  Reich  wiederaufgerichtet,  die  Herrschaft  über
die  christliche  Welt  aber  von  den  Römern  auf  die  HFranken  übergegangen  sei  (800).

6.  Cetzte  Lebenszeit  und  Tod.  Seit  Karl  römischer  Kaiser  geworden  war,
wurde  er  in  der  ganzen  Welt  als  der  oberste  Schirmherr  der  Christenheit  angesehen.
Der  Ruhm  seiner  Regierung  war  bis  nach  den  fernsten  Ländern  gedrungen,  und  ein  mächtiger
  Fürst  des  Morgenlandes  schickte  zu  ihm  sogar  Gesandte  mit  prächtigen  Geschenken.  —
Nach  46  jähriger  Regierung  verschied  Kaiser  Karl,  über  70  Jahre  alt.  Sterbend  sprach
er:  „Herr,  in  deine  Hände  befehle  ich  meinen  Geist!“  In  der  von  ihm  erbauten
Marienkirche  in  Kachen  ruht  er  in  einem  marmornen  Sarge.

7.  Entstehung  des  deutschen  Reiches.  Das  gewaltige  Reich  Karls  des  Großen
konnte  nur  durch  einen  Mann  von  außerordentlichen  herrschergaben  regiert  werden.
Unter  Karls  Sohne  und  Nachfolger,  Ludwig  dem  Srommen,  riß  überall  Unordnung
  ein.  Bis  an  sein  Lebensende  mußte  er  mit  seinen  drei  Söhnen,  die  sich
gegen  ihn  empörten,  Krieg  führen.