Ludendorff und der Ostfrieden. 23
damals zurückgerissen haben. Intriguen, denen Bethmann Hollweg in keiner Weise
entgegentrat, legten dann die beiden auf lange Jeit lahm. Die Bemühungen der
„Alldeutschen“, welche unermüdlich auf eine Berufung der beiden drängten, liefen
sich an dem Berliner Widerstand tod, der von den Parteien der Reichstagsmehrheit
gestützt wurde, Man hörte damals in den demokratischen Blättern nichts von
einem Ruf nach Platz für die Tüchtigen. Als Hindenburg und Ludendorff am
29. August 1919 endlich den Oberbefehl übernahmen, hatte Brussilow seinen gewaltigen
Vorstoß unternommen, und Rumänien eben den Krieg erklärt. Wieder
erschien die Lage fast hoffnungslos, und wiederum rettete die Feldherrnkunst Hindenburgs
und Ludendorffs das Reich.
Die Lage im Westen war bereits durch Moltke, der sich selbst seinerzeit schon
im Frieden bei Ubernahme seines Amtes als ungeeignet für dasselbe erklärt hatte,
böllig verfahren. Wie weit für das Fehlschlagen des Angriffs auf Verdun die
Strategie Falkenhapns veranewortlich zu machen ist, und wie weit dabei das Versagen
der Unterführer mitgespielt hat, läßt sich heute schwer überblicken. Man
darf nicht vergessen, das System, die selbständigen und hervorragenden Köpfe
nicht an führende Stellen gelangen zu lassen, herrschte unter Wilhelm II. und
seinen demokratischen Ratgebern nicht nur in der Oiplomatie, der Beamtenschaft
und in allen freien Berufen, sondern auch beim Militär, und kühne Pläne eines
Feldherrn. erfordern verwegene Unterführer, nicht nur auf ihre Grammatik eingeschworene
Generalstäbler. Die von Hindeuburg und Ludendorff 1918 auch im
Westen erzielten Erfolge waren glänzend. Ihre militärischen Erfolge im Osten
251 im Westen zwingen uns, beide Heerführer zu den genialen Feldherren zu
echnen.
Dennoch ist Ludendorff zu Recht gegangen. Der „Matin“ behauptet (Nordbeutsche
Allgemeine Jeitung Nr. 555 vom 29. 10. 1918), die Einnahme von Paris,
die Kapitulation Frankreichs und das baldige Ende des Krieges hätten sich unker
den Versicherungen befunden, die Ludendorff noch am 14. Mai 1918 deutschen
und neutralen Journalisten abgab. Wie dem auch sei, jedenfalls sind die Pläne
Ludendorffs im Westen nicht geglückt. Starke Mißerfolge werden im guten alten
preußischen Militarismus gesühnt durch Rücktritt der Verantwortlichen, einerlei
ob sie selbst verschuldet oder von anderen verschuldet sind. Auch Napoleon konnte
Offiziere, die Pech haben, nicht brauchen. Beim Militär herrschte noch das
alte Bismarcksche Syftem, das sich darin äußerst vorteilhaft von dem zurzeit
blühenden politischen B-System unterscheidet. Im B-System begründen bekanntlich
Mißerfolge die Anwartschaft auf die leitenden Stellen, und die sich häufenden Mißerfolge
verketten die Inhaber der leitenden Stellen immer fester mit den Stühlen,
auf denen sie sitzen. Das A-System hätte allerdings auch einen strategisch bewährten
Nachfolger und nicht einen auf dem Gebiet der Verkehrsorganisation
hervorragenden und bei den Demokraten beliebten Nachfolger wie Groener erfordert;
aber der Rücktritt Ludendorffs war ja ein Sieg des B.Systems, nicht der
militärischen Grundsätze des A-Systems, und bedeutete die Kapitulation Deutschlands.
Dafür und für den Rücktransport der Truppen war Groener vielleicht
der geeignetste Mann.
Der Militärschriftsteller der Münchner Neuesten Nachrichten schreibt ferner:
„Anderseits wird man auch Ludendorff noch keinen Vorwurf dafür machen können,
daß die Salonikiarmee Serrails damals, als man mit Rumänien fertig war, nicht
angegriffen und in das Meer geworfen wurde; das war einer der entscheidendsten