640 * Friedrich Meinecke
einförmig und trocken und kann es auch nicht anders sein, um Oisziplin
und Technik auf den höchsten erreichbaren Grad der Vollkommenheit
zu bringen. Sie ist auch zuweilen rauh, und manches Wort, das auf
dem Kasernenplatze fällt, fiele besser nicht. Es kommen Ausschreitungen
vor, die wir beklagen. Sie kommen vielleicht ebenso oft auch in anderen
Heeren vor, aber die ausländische Presse, von England und Frankreich
her inspiriert, pflegt seit Jahren jeden bei uns vorkommenden Fall von
Ausschreitungen aufzubauschen und unser Heerwesen systematisch ver-#chtlich
zu machen. Wir arbeiten im eigenen Lande mit Ernst daran,
den vereinzelten Ausschreitungen ein Ende zu machen, und gerade unseren
intelligentesten Offizieren liegt dies am Herzen. Als unser Generaloberst
v. Moltke kürzlich den Brief eines griechischen Arztes las,
der auf die Ausschreitungen im Friedensdienste des deutschen Heeres
binwies, schrieb er: „Es ist leider nicht zu leugnen, daß von rohen
Naturen manche häßlichen Abergriffe stattgefunden haben. Ich hoffe,
es wird eine der segensreichen Folgen des Krieges sein, daß die Deutschen
gelernt haben, in jedem, sei er nun gleichgestellt oder untergeben,
den Menschen zu achten, und daß die gerügten unwürdigen Erscheinungen
aus dem Heerc verschwinden.“ 23) Der Fluß der modernen Entwicklung
wird dieses Aberbleibsel vergangener Zeiten notwendig, unfehlbar
anflösen. Es gibt kein besseres Zeugnis für den Geist, der schon im
Friedensdienste unseres Heeres vorwaltet, als die Anhänglichkeit und
den Stolz des ausgedienten Soldaten auf das Regiment, dem er angehört
hat. Er hält die Erinnerung daran wach durch sein ganzes Leben.
Ein Aetz von Kriegervereinen, in denen die ehemaligen Soldaten sich
gesellig und freundschaftlich zusammenschließen, bedeckt ganz Deutschland.
Feiert ein Regiment, das in einer kleinen Stadt steht, einmal ein
Jubiläum, so ist es zugleich ein Volksfest der Bürgerschaft.
Und mit der Volkstümlichkeit unseres Heerwesens steht auch der
besondere Korpsgeist der Offiziere in keinem Widerspruche. Es mag
ihm diese oder jene Schroffheit anhaften, die entbehrlich ist und aus vergangenen
Zeiten stammt. Aber er ist im Kerne gesund, und er ist unentbehrlich.
Er gibt dem Heere Führer von einheitlicher sittlicher Gesinnung,
strenger Ehrenhaftigkeit, selbstloser Aufopferung für König und
Vaterland, ritterlicher Lebensauffassung. Er gehört zu jenen korporativen
Gegengewichten gegen die übergroße Individnalisierung und
Atomisierung der modernen Kultur, die nicht nur auf dem Gebiete des
Hcerwesens erwünscht und notwendig sind, die man anderwärts durch
23) Brief vom 28. Dezember 1913, abgedruckt in der Zeitschrift 5Hammer vom
1. Februar 1915.