Full text : Kriegführung und Politik.

Betrachtung.  —  97

Die  Zusammenhänge  zwischen  Heer  und  Heimat  auf  allen  Ge—
bieten,  auch  auf  wirtschaftlichem,  die  überall  vorliegenden  schweren
Schäden  traten  noch  nicht  so  hervor,  wie  es  später  der  Fall  war,
als  die  neue  O.  H.  L.  in  ihren  Anforderungen  über  die  des  Generals
v.  Falkenhayn  weit  hinausging.  Daß  das  nicht  seinen  Auffassungen
vom  Wesen  dieses  Krieges  entsprach,  ist  bekannt"?).  Man  gewinnt
den  Eindruck,  wenn  auch  wiederum  einzelne  Außerungen  dagegen
sprechen,  als  ob  General  v.  Falkenhayn  in  seinen  Anschauungen
denen  nahe  stehe,  die  ein  Nachgeben  des  Feindes  bei  hinhaltender
Kriegführung  für  erreichbar  hielten.  Worauf  sich  solche  Ansichten
stützten,  ist  mir  nicht  bekannt.  Sie  entsprachen  nicht  den  politischen
Absichten  der  Feinde  und  der  Wesensart  des  Weltkrieges  als
Daseinskampf  für  uns  Deutsche.  Wie  bei  einer  Kriegführung  mit
nur  beschränkten  Zielen  die  eingeschlossenen,  notleidenden  und  ihre
eigenen  Vorräte  verzehrenden  Völker  der  Mittelmächte  den  Krieg
länger  ertragen  sollten  als  die  feindlichen  Belagerer,  die  über  mehr
Menschen  und  über  die  Vorräte  der  Welt  verfügten,  ist  nicht  ersichtlich.
  Wurde  unser  Volksgeist  in  den  ersten  Kriegsjahren  auch  noch  so
hoch  eingeschätzt,  höher  als  General  v.  Falkenhayn  es  tat,  der  in
den  politischen  Verhältnissen  der  Heimat  eine  Gefahr  für  die
Kriegführung  sah,  so  lag  doch  kein  Grund  vor,  an  den  Geist  der
feindlichen  Völker  einen  ungünstigeren  Maßstab  anzulegen  als  an
den  unsrigen.  Waren  aber  die  Vorbedingungen  für  den  Volksgeist
auf  beiden  Seiten  gleich,  war  es  nicht  mehr  möglich,  dem  Heere,  wie
durch  die  Friedensausbildung,  eine  Erziehung  zu  geben,  die  die
der  feindlichen  Heere  weit  überragte,  so  mußten  mit  der  Zeit  Menschenzahl
  und  Wirtschaftskraft  allein  entscheidend  werden.  Diese
waren  aber  beim  Feinde  unstreitig  die  günstigeren.  Ihm  fiel  also,
wenn  wir  den  Krieg  hinhaltend  führten,  der  Sieg  zu.  Oder  glaubte
General  v.  Falkenhayn,  doch  zu  guter  Letzt  den  Krieg  mit  einer
großen  Waffenentscheidung  zu  beenden?

Ich  lasse  das  dahingestellt.

*)  Auf  die  Kriegführung  der  Zweiten  O.  H.  L.  komme  ich  in  den  Abschnitten
  VI  und  VII  zurück.

vudendorff,  Kriegführung  und  Polittk.  7