Full text : Der Betrug am deutschen Volke.

196  Aus  den  Werkstätten  des  Betrugs.

Erzberger  bezeichnet  den  Vatikan  als  eine  „neutrale"  Machk,  und  in  Deutschland
ist  sogar  weit  über  die  Zentrumskreise  hinaus  die  Meinung  verbreitet,  der  Vatikan
habe  sich  deutschfreundlich  betätigt.  Der  Vatikan  war  aber  von  Kriegsbeginn  an
niemals  eine  neutrale,  sondern  eine  —  mit  den  valikanischen  Mitteln  —  gegen
Deutschland  kriegführende  Macht  mit  einem  festen,  Deutschland  feindlichen  Kriegs
ziel,  der  Wiederherstellung  und  Entschädigung  des  katholischen  Belgien.  Das  britische
  Generalkonsulat  in  Zürich  gab  am  ar.  Januar  1917  an  die  Schweizer  Zeitungen
  den  Bericht  des  bekannten  belgischen  Jesuitenpaters  Henusse  über
eine  Unterredung  mit  dem  Papste  als  amtliche  Londoner  Meldung  aus.  Darin

eißt  es:

"  **t*“  Papst  sagte  mir  und  beauftragte  mich,  es  in  den  Schützengräben  den  Mannschaften
und  Offizieren  zu  wiederholen  und  es  selbst  dem  König  mitzuteilen,  daß  er  der  Ansicht  sei,
daß  Belgien  das  Recht  habe,  von  Deutschland  volle  Entschädigung  zu  verlangen,  und  daß  er
niemals  seine  Hilfe  zu  einer  Wiederherstellung  des  Friedens  anbieten  würde,  es  sei  denn,
daß  dem  Königreich  Belgien  seine  sämtlichen  Besitzungen  in  Europa  und  Afrika  mit  seinen
sämtlichen  früheren  Rechten  und  Freiheiten,  wie  sie  vor  dem  Kriege  existierten,  zurückerstattet
würden,  und  außerdem  vorbehaltlos  eine  entsprechende  Entschädigung,  welche  nach  eingehen"
der  Untersachung  und  Inventaraufnahme  sämtlicher  vernichteter  öffentlicher  Denkmäler,
nach  Wiederaufbau  Tsämtlicher  Fabriken  und  Privatwohnungen  und  Rückgabe  des  ganzen
Privateigentums  #festgestellt  würde,  erhalten  habe.“

Man  vergleiche  damit  die  angebotenen  Zugeständnisse  im  Brief  des  Kaisers
Karl  an  Sixtus  von  Parma!  So  offen  konnte  sich  der  Papft  in  seinen  öffenklichen
Reden  nicht  aussprechen;  aber  aus  allen  seinen  Reden,  Handlungen,  Noten  und
Vermittlungen  konnte  jeder,  der  zu  hören  versteht,  herausfühlen,  wieviel  mehr  das
Herz  des  Papstes  auch  sonst  auf  Seiten  der  Entente  stand  als  auf  unserer.  Seine
Worte  waren  stets  freundlicher  gegen  die  Ententeseite,  sein  Tadel  (Beschießung
offener  Städte,  Torpedierungen)  stets  schärfer  gegen  uns  als  gegen  unsere  Feinde
(Hungerblockade).  Eingehende  Untersuchungen  führen  den  Verfasser  der  ausgezeichneten,
  viel  werkvolles  Muterial  bringenden  Schrift:  „Papst,  Kurie  und  Weltkrieg“!)
zu  dem  Eegebnis  „Wo  es  (das  Urkeil  des  Papstes  und  der  Kurienorgane)  zu  positiver
Fürsprache  leitet,  ist  es  zugunsten  einer  Ententemacht;  wo  eine  Verurteilung  ausgesprochen
  wird,  geben  Maßnahmen  der  Mittelmichte  den  Anlaß“.  Die  gleiche  Schrift
weist  nach,  wie  viel  weniger  die  Kriegsfürsorge  des  Papstes  in  der  Gefangenen"“
frage,  bei  den  Begnadigungen,  bei  materiellen  Hilfeleistungen  sich  auf  Deutsche  erstreckte
  und  Deutschen  zugute  kam  als  Ententeangehörigen.  Kardinalstaatssekretär
Gasparri  hat  ro  Jahre  lang  in  Paris  gewirkt  und  war  wie  seine  Vorgänger  Rampolla
und  Ferrata  ein  unverhohlener  Franzosenfreund.  Kardinal  Mercier  hätte  zehnmal
vor  das  Standgericht  wegen  offener  Auflehnung  und  Aufhetzung  der  Bevölkerung
gegen  die  deutschen  Besatzungsbehörden  gehörk,  wenn  nicht  der  Papfst  stets  seine
schützende  Hand  über  diesen  Empörer  gegen  die  staatliche  Obrigkeit  gehalten  hätte.

#  1
*

Das  päofkliche  Kriegsziel  Belgien  trikt  auch  in  dem  Brief  des  Nuntius  Pacelli
offen  hervor.  Dem  englischen  Gesandten  war  es  gar  nicht  eingefallen,  seine  Forderung
  auf  Belgien  zu  beschränken  oder  anzudeuten,  Zugeständnisse  in  Belgien  würden
das  Häuupthindernis  des  Friedens  hinwegräumen,  wie  dies  Erzberger,  zunächst  unter
wohlberechneter  Weglassung  der  ganzen  ihn  Lügen  strafenden  Drahtung,  darstfellt,
und  wie  es  der  Minister  des  Auswärtigen,  Müller,  vielleicht  infolge  mangelnder

1)  Historisch-kritische  Studie  von  einem  Deutschen.  Berlin  W  35.  Saͤemannverlag  1918.