Full text : Im alten Reichstag. Band II. (2)

168  Stimmungen  im  Reiche  1880.

wirtschaftlichen  Bedrängnis  erwachsen,  begann  zu  schwinden,  weil
der  Kanzler  dieser  Not  nicht  abzuhelfen  vermochte.  Damit  war
der  Rechtfertigungsgrund  für  die  stetige  Machtsteigerung  von  Staat
und  Kanzler  der  Menge  verloren  gegangen.  Das  Prestige  des
Erfolges  kam  dem  Kanzler  abhanden.  Fortan  trat  daher  die  kühle,
nüchterne  Kritik,  die  selbständige  Beurteilung  ihm  gegenüber  wieder
in  ihre  Rechte  ein.  Das  Volk  versprach  sich  von  der  Wünschelrute
des  Kanzlers  keine  Befserung  mehr  und  empfand  schwer  die  Un—
sicherheit,  welche  seine  Machtstellung,  verbunden  mit  dem  fortgesetzten
Aufwerfen  neuer,  tief  in  das  Wirtschaftsleben  eingreifende  Projekte,
über  das  ganze  Geschäfts-  und  Erwerbsleben  verbreitete.

Musere  Erfolge  bei  Ersatzwahlen.

Die  veränderte  Stimmung  gab  sich  alsbald  bei  den  Reichstagsersatzwahlen
  in  überraschender  Weise  kund.  Die  Fortschrittspartei
hatte  infolge  von  Todesfällen  und  Mandatsniederlegungen  Neuwahlen
für  den  2.  und  5.  Berliner  Reichswahlkreis  und  für  Potsdam-Osthavelland
  zu  bestehen.  Diese  Wahlen  vollzogen  sich  in
unserem  Sinne  ohne  Schwierigkeiten.  Durch  den  2.  Berliner
Wahlkreis  war  zum  erstenmal  Virchow  in  den  Reichstag  gewählt
  worden.  Vor  einer  Ersatzwahl  im  2.  Hamburgischen
Wahlkreis  konstituierte  sich  im  Anschluß  an  die  auf  dem  Parteitag
1878  angeknüpften  Beziehungen  ein  Komitee  der  Fortschrittspartei
in  Hamburg,  welches  Dr.  Anton  Rée  als  Kandidaten  aufstellte,  der
schon  1867  im  konstituierenden  Reichstag  unserer  Fraktion  angehört
hatte.  Die  Bürgerschaft  Hamburgs  war  eben  jetzt  aufgeregt  durch
die  Projekte  des  Fürsten  Bismarck,  wegen  der  Einverleibung  in
den  Zollverein.  Ich  sprach  am  25.  April  1880  in  einer  Versammlung
  im  Conventgarden,  welche  von  über  5000  Personen  besucht
  war.  Rée  wurde  zwar  nicht  gewählt;  der  Sozialdemokrat
erhielt  13  155  Stimmen.  Aber  die  neu  konstituierte  Fortschrittspartei
  brachte  es  sogleich  auf  6455  Stimmen;  die  nationalliberale
Partei,  bisher  im  Besitze  des  Mandats,  schrumpfte  bis  auf
3581  Stimmen  zusammen.  «

Dann  folgte  am  25.  Mai  der  glänzende  Ausfall  der  Reichstagswahl
  in  Kassel.  Kassel  war  bisher  durch  den  nationalliberalen
Abg.  Bähr  vertreten.  Erst  seit  August  1879  hatte  unsere  Partei  überhaupt
  Beziehungen  zu  Kassel  angeknüpft.  Nunmehr  wurde  der
Kandidat  der  Fortschrittspartei,  Philipp  Schwarzenberg,  im  ersten
Wahlgang  mit  absoluter  Stimmenmehrheit  gewählt.  Es  fielen  ihm
8126  Stimmen  zu,  während  die  Stimmenzahl  für  den  bisherigen