504 Erstes Kapitel.
unter den Fürsten für die Wiederherstellung von Kaiser und Reich, und
der greise König Johann von Sachsen erbot sich, die Verhandlungen
darüber mit den übrigen deutschen Fürsten zu führen. Dagegen hatte
Graf Bismarck mancherlei Bedenken; er meinte, man müsse der Zeit
anheimstellen, die deutsche Frage sich entwickeln zu sehen. Aber mit lebhafter
Entschiedenheit widersprach ihm der Kronprinz: man dürfe den
weltgeschichtlichen Moment nicht versäumen.
Ohne Sweifel hatte der Kronprinz recht. Er verstand das Sehnen
des deutschen Dolkes, in dem nach den großen Erfolgen des Krieges das
Bewußtsein der Kraft geweckt worden war, die aus der Einheit stammt.
Er fühlte sich mitverantwortlich dem Hertrauen gegenüber, mit dem die
Deutschen von König Wilhelm jetzt die Erfüllung dessen erwarteten, was
einst der Wiener Kongreß ihnen vereitelt hatte. War Deutschland jetzt
durch seine Thaten in die erste Reihe der Großmächte eingetreten, so
hatte es auch das Recht, die Anerkennung seiner Stellung von den
Alächten zu verlangen: und diese, die eben noch auf die ersten Erfolge
des Kampfes mit Scheelsucht geblickt, hielten sich seit Sedan in begreiflicher
Scheu vorsichtig zurück.
Schon im September hatten eine Anzahl von Führern des Norddeutschen
Reichstages mit süddeutschen Gesinnungsgenossen Besprechungen
gehalten und eine Derständigung über die gemeinsame nationale Aufgabe
Berbeizuführen gestrebt; und Süddeutschlands Bevölkerung hatte durch Zeschlüsse
und Adressen an ihre Fürsten das Derlangen nach einer staatlichen
Derbindung mit dem Norden kundgegeben. Ja als der Oräsident
des Norddeutschen Bundeskanzleramts, der Staatsminister Delbrück, zu
Ende des September aus Anlaß der bafrischen Anträge in München
weilte, begrüßte ihn die Bevölkerung der baxrischen RKauptstadt bei seiner
Rückkehr vom Schlosse Berg nach seiner Unterredung mit König Ludwig II.
mit lautem Jubel und brachte freudige Lebehochs auf den „Deutschen
Kaiser“ aus. Allein die Forderungen, welche Bapvern stellte, waren zu
hoch, auch der „Deutsche Kaiser“" dem König Tudwig unspmpathisch.
Daher blieben die Derhandlungen erfolglos. Allein die Bewegung war
nicht aufzuhalten; denn es war eben der rechte Moment. Konnte es
aber Bapern darauf ankommen lassen, vereinsamt zur Seite zu steben,
während die Erneuerung Deutschlands sich vollzog d Sollte es abwarten,
daß der Antrag auf „Kaiser und Reich“ von dem am 24. Movember
zusammentretenden Norddeutschen Reichstage — wie sicher zu erwarten
war — ausginge, oder daß König Johann und Großherzog Friedrich
die deutschen Fürsten zu raschen Entschlüssen führtend Bavern schickte