Rede bei der Gedaͤchtnisfeier der Universität Leipzig. 165
Gedankens für Preußen aufbieten: aber eben für Preußen. Die Wirklichkeit
dieses großen Lebens, seine Eigenart und seine Leistung, zuletzt dann
auch den vollen Wert seiner späteren neuen Entwicklung ergreift man
nur, wenn man diese Wahrheit scharf erfaßt und ehrlich betont: denn
sie ist die Wahrheit. Was Bismarck erstrebte, war eben noch jetzt, wie
er es damals so oft gesagt hat: Befreiung Preußens aus seiner bundestäglichen
Fefselung, Heilung dieses Gebrechens seines Landes, und sei es
mit Eisen und Feuer. Und so blieb es, als er aus Petersburg, aus Paris
die deutschen Vorgänge ungeduldig beobachtete und besprach: so war er,
als er im September 1862 König Wilhelms Minister wurde. So trat
er den Fragen, die seine Zeit beschäftigten, entgegen. Von den herrschenden
Gedanken und Bestrebungen der Einheit, die ich früher entwickelte, berührten
ihn die meisten nicht. Die Idee der Nationalität mit ihrem liberalen Zuge,
mit ihren stark geistigen Elementen; die politischen und wirtschaftlichen
Ansprüche des Bürgertums auf Einheit und Freiheit: sie alle waren für
ihn nichts oder wenig, zum Teile war er ihr offener Feind. Nicht nur die
revolutionären Ideale von 1848 als solche befehdete er: alle ihre Voraussetzungen
waren nicht die seinen. Nur mit einer jener Einheitskräfte
hatte er zu thun: mit dem Staate Preußen; und was er wollte, war
nicht Gründung der deutschen Einheit durch Preußen, es war Erhöhung
Preußens durch Deutschland. So war sein Ausgangspunkt; so hat seine
Politik Jahre lang gewirkt; es war eine völlig andere Welt als die
von 1848. „Meine Aufgabe“, so etwa habe ich es 1893 aus des
Fürsten Munde gehört, „ist es gewesen, das preußische Heer in den
Dienst der deutschen Idee zu stellen: nur dadurch wurde diese erfüllbar“.
Das ist das Ergebnis seiner Thätigkeit gewesen, und rückschauend mochte
er so sprechen: aber beseelt hat ihn in jenen 60er Jahren das preußische
Interesse vornehmlich und fast allein. Und da erst lag für ihn damals
die nächste und die härteste Arbeit: „wer mir,“ so sprach er weiter, „dabei
den schwersten Widerstand entgegengesetzt hat, das war König Wilhelm."“
Man pflegt ja zu sagen, Bismarck habe an die Stelle des Ideales
als Ziel wie als Wirkungsmittel die Macht gesetzt. Auch das ist wahr
und falsch zugleich. Denn mindestens muß man doch hinzufügen, daß
das Machtstreben Bismarcks selber etwas Ideales war. Er wollte Erhöhung
der preußischen Macht — ist das etwas Plumpes, etwas nur
Körperhaftes und Ungeistiges, wie viele zu glauben scheinen: Moltke
hat einmal mit vollem Rechte Machtstellung als ein ideales Gut bezeichnet.
Und für Bismarck war fie der Lebensnerv seines preußischen
Bewußtseins. Er hat diese Kraft des alten Preußentums, die lange geschlummert
hatte, wieder aktiv in seine Gegenwart eingeführt. Er hat