Contents : Der deutsche Verfassungsstaat und die Parteien.

wucherns  jüdischer  Lehrkräfte  an  den  Schulen
und  Universitäten.

Die  dieser  Partei  sehr  nahestehenden  Antisemiten
  haben  meist  Sueihe  Forderungen:
nur  verlangen  sie  noch  präziser,  daß  lediglich
christlich-deutsche  Männer  in  die  gesetzgebenden
  Körperschaften  gewählt  und  in
Staats-  und  Gemeindeämter  berufen  werden.
Ihnen  ist  der  Hauptträger  der  staatlichen
und  gesellschaftlichen  Zersetzung  das  „stamm.
fremde  Judenvolk“.  „Deutschen  Geist  und
deutsche  Eigenart  wollen  wir  bewahren  vor
jedem  schädlichen  Fremdstoff,  deutsche  Arbeit
chüten  gegen  Ausbentung;  darum  erscheint
uns  der  Kampf  gegen  den  jüdischen  Geist
auf  allen  Gebieten  des  Lebens  als  eine  wirtkschaftliche,
  politische  und  sittliche  Notwendigkeit“
  Unter  diesem  Gesichtspunkt  gelangen
die  Antisemiten  dann  zu  einer  Reihe  von
Forderungen.  welche  die  verfassungsmäßigen

rundrechte  des  Volks  streng  wahren,  aber
doch  der  schrankenlosen  Belätigung  der  individuellen
  und  wirtschaftlichen  Freiheit,  besonders
  des  Großkapitalismus  und  Wuchertums
  entgegenwirken  sollen.

Der  Bund  der  Landwirte,  dem  schon
die  „Vereinig  ung  der  Steuer-  und  Wirtschaftsreformer“
  seit  dem  Jahre  1876  vorgearbeitet
hatte,  ist  eine  Parteigemeinschaft,  welche  sich
die  Hebung  der  Landwirtschaft  im  besonderen
zur  Aufgabe  gestellt  hat.  Von  der  Anschauung
  ausgehend,  daß  die  deutsche  Landwirtschaft
  das  erste  und  bedeutendste  Gewerbe,
die  festeste  Stütze  des  Reiches  und  der  Einzelstaaten
  ist,  sordert  er  eine  besondere  Berücksichtigung
  der  landwirtschaftlichen  Interessen
durch  genügenden  Zollschutz.  Einführung  der
Doppelwährung,  Absperrung  der  Vieheinfuhr
aus  seucheverdächtigen  Ländern  usw.  Ebenso
befürwortet  er  eine  anderweitige  Regelung
der  Gesetzgebung  über  den  Unterstützungswohnsitz,
  über  die  Freizügigkeil,  über  den
Kontraktbruch  der  Arbeiler.  Auch  die  Sorgen
des  Miltelstandes  liegen  ihm  am  Herzen
und  in  dieser  Hinsicht  macht  er  sich  alle
Forderungen  der  deutsch-konservativen  Partei
zu  eigen.

Die  Deutsche  Rechtspartei,  wie  sich
die  hannöverschen  Welfen  nennen,  erscheinen
ebenso  wie  die  Polen  und  Elsasser
Protestler  sast  immer  im  Gefolge  der
Zentrumsyartei  Die  erstere  will  zwar  dem
Zusammenschluß  der  deutschen  Einzelstaaten
im  deutschen  Nationalstaat  zustimmen,  aber
ie  fordert,  „daß  die  Vernichtung  einzelner
elbständiger  Staaten  Gesamtdeutschlands  zugunsten
  anderer  nicht  ungesühnt  bleibe.  Im
weiteren  soll  nach  ihr  die  christliche  Kirche
berufen  sein,  auch  dem  Staate  gegenüber

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ihres  Amtes  als  Warnerin  und  Bußpredigerin
zu  walten,  wo  die  „Bahnen  der  Revolution“
beschritten  werden.  Sie  verlangt  daher
föderative  Ordnungen  in  Reich  und  Stoaat,
Wiedervereinigung  mit  Osterreich  durch  staatsund
  bundesrechtlichen  Vertrag  in  politischer
und  wirtschaftlicher  Hinsicht,  freie  Selbstverwaltung
  in  Staat,  Landschaft,  Gemeinde
und  Kirche,  Aufban  der  Gesellschaft  auf
berufsständischer  Organisation.

Die  Polen  haben  schon  seit  dem
konstituierenden  Reichstag  ohne  eigentliches
Programm  eine  eigene  Fraklion  gebildet.
Ihr  letztes  Ziel  ist  die  Losreißung  der  Ostmarken
  von  Preußen  und  Neubegründung
eines  polnischen  Sonderstaates.  Die  Elsasser
Protestler  und  die  Dänen  stehen  dem  Reich
ebenfalls  grundsätzlich  feindlich  entgegen.  Der
ayrische  Bauernbund  will  neben  einer
besonderen  Fürsorge  für  die  Landwirtschaft
die  Aufrechlerhaltung  der  Selbständigkeit
Bayerns  und  zeitgemäße  Reformen  der  Verfassungsgrundlagen
  in  Bayern  und  im
Deutschen  Reich,  so  z.  B.  die  Abschaffung  der

bayrischen  Reichsratskammer  usw.  "1

lle  diese  Parleien  stehen,  so  weit  sie  sonst
auch  prinzipiell  auseinandergehen  mögen,  doch
immer  auf  dem  Boden  der  geschichtlich  entwickelten
  Staats--  und  Gesellschaftsordnung.
Ihnen  gegenüber  hat  sich  die  große  Parteiorganisation
  ausgebildet,  die  in  der  Sozialdemokratie
  verkörpert  ist  und  mit  den  bestehenden
  politischen,  wirtschaftlichen  und
VLesellschaftlichen  Verhältnissen  nichts  mehr
gemein  haben  will.  Auf  den  Ruinen  des
„kapilalistischen  Klassenstaates“"  will  sie  den
„sozialistischen  Zukunftsstaat“  aufrichten.  Als
Grundlage  für  ihre  Bestrebungen  dient  ihr
das  zuletzt  auf  dem  Parteitage  zu  Erfurt
ausgearbeitete  Programm  vom  Jahre  1891.
Darin  heißt  es  in  den  einleitenden  Satzungen
gleich  sehr  bestimmt:  „Die  ökonomische  Entwicklung
  der  bürgerlichen  Gesellschaft  führt
mit  Naturnotwendigkeit  aum  Untergang  des
Kleinbetriebes,  dessen  Grundlage  das  Privaleigentum
  des  Arbeiters  an  seinen  Produktionsmitteln

  bildet;  sie  treunt  den  Arbeiter  von

seinen  Produklionsmitteln  und  verwandelt
ihn  in  einen  besitlosen  Proletarier,  indes  die
Produktionsmittel  das  Monopol  einer  verhältnismäßig
  kleinen  Zahl  von  Kapitalisten
und  Großbesitzern  werden.  Hand  in  Hand
hiermit  geht  die  Verdrängung  der  zersplitterten
  Kleinbetriebe  durch  kolossale  Groß.
betriebe.  Aber  alle  Vorteile  dieser  Umwandlung
  werden  von  den  Kapilalisten  und
Großgrundbesitzern  monopolisiert.  Für  das
Prolelariat  und  die  versinkenden  Mittelschichten
  bedeutrt  sie  wachsende  Zunahme  der