Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Zwanzigster Jahrgang. 1879. (20)

92  Das  beusche  Reich  und  seine  einzlsen  Glieder.  (Anf.  März.)

rettet  zu  haben,  um  nachzuweisen,  daß  der  russische  Staatsmann  und  Diplomat
  von  sehr  zweifelhafter  Begabung  sei,  der,  obwohl  er  zur  Zeil  der  Reichstadter
  Begegnung  zwischen  dem  Zaren  und  dem  Kaiser  von  Oesterreich  geüußert:
  „Er  wolle  nicht  abtreten  wie  eine  verlöschende  Lampe,  sondern  wie
ein  niedergehendes  Gestirn“,  doch  durch  die  Art  seiner  Diplomatie  während
der  lepten  vier  Jahre  bewiesen  habe,  daß  ihm,  um  einem  Gestirn  zu  gleichen,
die  nöthigen  glänzenden  Negusftten  völlig  abgingen.  Das  Hauptgewicht  in  den
Ausführungen  des  Artikels  ist  aber  auf  die  Andentung  zu  legen,  daß  Fürst
Gortschakoff  noch  immer  ein  Zusammengehen  mit  Frankreich  im  uuge  Zu
halten  scheine,  das  schließlich  nur  gegen  Deutschland  gemwüngzt  sei.  —  Eine
andere  Stimme  meint:  „In  dem  Verhältniß  des  deutschen  Reiches  zu  Rußland
  hat  sich  in  letzter  Zeit  eine  seltsame  Veränderung  gezeigt,  deren  Gründe,
wenn  es  sich  thatfächlich  um  einen  folgenschweren  Umschwung  handelt,  weit
bis  auf  den  Ursprung  des  letzten  Oriemtkrieges  zurückgeführt  werden  müssen.
Es  sind  nicht  mehr  die  unabhängigen  russischen  Preßstimmen  allein,  welche
die  Ehrlichkeit  Deutschlands  in  seiner  diplomatischen  Theilnahme  an  den
Orientwirren  bezweifeln,  sondern  in  offenbar  und  sogar  ostensibel  inspirirten
Zeuungsartileln  regt  sich  der  Hast  gegen  Deutschland  in  provozirender  Weise.
Die  geringsügigen  Erfolge  des  Krieges,  der  unbegqueme  Berliner  Vertrag,  den
man  russicherseits  überall  zu  durchlöchern  bestrebt  ist,  das  Bewußtsein  sinan.
Fieller  und  militärischer  Einbuße,  die  durch  die  Aufhebung  des  Arlikel  V.
Prager  Friedens  und  andere  Umstände  dokumentirte  Freundschaft  aan
lande  und  Oesterreichs,  Alles  dieß  hat  bei  dem  Czaren  und  seinem  Kangler
dad  Gefühl  der  Demüthigung  hervorgerufen.  In  dieser  Hinsicht  ist  eine  hochoffiziöse“
  russische  Kundgebung  im  Brüsseler  „Nord“  im  höchsten  Grade  bezeichnend.
  Die  bezügliche  Notiz  enthält  dieselben  Anschuldigungen,  welche  von
russischen  Blättern  schon  früher  gegen  Deutschl.  ud  geltend  gemacht  waren,  dieselben
  Behauptungen,  daß  der  Orientkrieg  das  Resultal  schändlicher  Verschwörung“
  fremder  Mächte  sei,  um  das  Zarenreich  durch  seine  eigenen  Ersolge
  zu  schwächen  und  es  finanziell  und  militärisch  zu  ruiniren.  Wenn  dem
gegenüber  Deultschland  behaupten  kann,  daß  sein  Kangler  die  Schuld,  welche
er  im  dentsch-fran  gösischen  Kriege  Nußland  gegenüber  kontrahirte,  durch  ehrliche
Unterstützung  des  Zareureiches  abge.ragen  habe,  so  find  die  jepigen  russischen
Provolationen  Beweis  genug,  daß  man  russischerseils  von  der  Freundschaft
Deutschlands  mehr  verlangte,  als  es  mit  den  eigenen  deutschen  Interessen
vereinbar  war.

Anfang  März.  (Preußen.)  Der  evangelische  Oberkirchenrath
  richtet  mit  Bezug  auf  die  sozialislischen  Bestrebungen  eine  Ausprache
  an  die  Geistlichen  und  Gemeindekirchenräthe  der  evangelischen
Landeskirche.

Als  besondere  Aufgaben!  befeichnet  die  Aufprache  vor  Allem  die  reliiöse

  Erziehung  der  Jugend.  Demnächst  gelte  die  Zucht  und  Sitte  der
Peneindt  durch  Weckung  des  christlichen  Ehe-  nnd  Pflichigefühls  zu  ahalten
und  zu  befestigen.  Neben  dem  amtlichen  Wirken  wird  die  freie  Vereinsthätigkeit
  als  ein  nosenkliches  Mittel  zur  Heilung  der  sogialen  Schäden  bogeihhnch
die  Streitigkeiten  und  Spaltungen  des  Parteiwesens,  das  unter  den  Dienern
der  Kirche  herrsche,  als  ein  großes  Aergerniß  hervorgehoben.  „Kaum  etwas,“
heißt  es  weiter,  „hat  den  Einfluß  der  amtlich  organisirten  Kirche  nicht  nur
in  den  höher  gebildeten  Kreisen  so  geschädigt,  als  der  von  rschebenen  Seiten
muternommeene  Versuch,  die  Kirche,  ihr  Bekenntniß  und  ihre  Organe  als

Mittel  für  bestimmte  politische  Parteizwecke  zu  gebrauchen.“  Sehr  ausführlich
  wird  auf  die  gerade  unter  den  Geistlichen  hervorgetretenen  „christlich-