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Graßmann, aus Entrüstung über die Morallehre des Liguori, Bruch—
stücke dieser in deutscher Übertragung, neben dem lateinischen Texte,
in Form einer leicht lesbaren Flugschrift veröffentlichte! Obgleich
Graßmann selbst das Schriftchen nur den Eltern und Erziehern der
Jugend zugänglich zu machen bestrebt war, sollte dasselbe polizeiwidrig
„schmutzig“ sein. Das war ihr Inhalt allerdings. Dieser aber war
nur die Morallehre eines Heiliggesprochenen, zum Doktor ecclesiae
Erhobenen, in einem Buche, nach welchem die gesamte römisch-katholische
Geistlichkeit rings auf dem Erdenrunde neuerdings erzogen wird.
Was aber ist Liguori, wenn nicht der Morallehrer von Jesuiten=Gnaden?
Zur Zeit, als der Orden, nicht zum wenigsten wegen seiner
Morallehre, vom Papste selbst aufgehoben worden war, hat Liguori
die jesuitischen Moralbücher ausgeschrieben und zu einem alles umfassenden
System zusammengestellt! Eben weil er von ihrem Geiste
war, haben die Jünger Loyolas nicht geruht, bis sie ihn selig und
heilig sprechen, und zu einem „Kirchenvater“ in aller Form hatten
ausrufen lassen. Liguori ist demnach nur ihr Nachtreter; wie denn
auch der von ihm gestiftete Orden der —# Memptoriften ihr nächster
Anverwandter ist. Da sein unförmliche##k eine ganze Reihe großer
Bände füllt, hat im eben verflossenen Jahrhundert der französische
Jesuitenpater Gury diese zu einem handlichen Kompendium kondensiert,
welches seither als das maßgebende Handbuch für die Morallehre
nach jesuitischem Rezepte dient.
Welcher Art die Regeln sind, welche der Seelsorger, zumal im
Hinblick auf den Beichtstuhl, nach Liguori, beziehentlich Gury, sich
anzueignen hat, dafür nur wenige Beispiele.
Wenn die Ethik oder Sittenlehre auf einen Grundsatz als obersten
Leitstern reduziert werden soll, so kann dies nur der Grundsatz unbedingter
Wahrheit oder richtiger Wahrhaftigkeit sein. Denken
wir uns aus dem Umgang mit Menschen die Wahrheit fort und jedes
gegenseitige Vertrauen ist dahin, jede Gemeinschaft von Mensch
zu Mensch aufgehoben. Mit der Wahrheit steht und fällt das Menschtum
als solches. Für die jesuitische Sittenlehre aber ist ihr Begriff
gar nicht vorhanden.
Die Erforschung der Wahrheit bildet naturgemäß auch den Grundund
Eckstein aller menschlichen Gerichtsbarkeit. Um den Einzelnen auf
dieselbe zu verpflichten, wird ihm gegebenen Falles ein möglichst feierlicher
Eid auferlegt. Liguori aber ist der Meinung, daß man dabei
sogar Gott anrufen kann, ohne daß ein solcher Schwur — so man
sich dazu nur das Nötige denkt — binde. Ein solcher „geistiger Vorbehalt“
ist gegeben, wenn man z. B. sich im Stillen sagt: ich habe