Full text : Ludendorff, meine Kriegserinnerungen 1914-1918

 

 

Der  Angriff  im  Westen  1918.

(Karte  IX.)

J.

S“wer  war  die  Entscheidung,  wo  anzugreifen  sei.  Sie  mußte  frühzeitig

fallen.  Das  Zusammenführen  von  Truppen  auf  engem  Raum,  das
Heranbringen  der  gewaltigen  Munitionsmengen  und  sonstigen  Vorräte
aller  Art  mit  der  Eisenbahn,  die  Arbeiten  der  Truppe  selbst,  wie  Versteinen
  der  Batteriestellungen,  Maskierung  der  Wege,  Anfertigung  von
Fliegerdeckungen  und  von  Gerät  zum  üÜberbrücken  der  Grabensysteme,
endlich  der  Aufmarsch  zur  Schlacht  kosteten  Wochen,  machten  weite
Voraussicht  und  bis  ins  einzelne  gehende  Vorarbeiten  nötig.  Naturgemäß
  war  hiermit  die  Gefahr  vorzeitigen  Bekanntwerdens  nähergerückt.
Es  waren  daher  an  den  Fronten,  wo  nicht  angegriffen  wurde,  Ablenkungsarbeiten
  vorzunehmen,  die  zugleich  die  Grundlage  für  spätere  Angriffe
bildeten.  Der  größte  Teil  der  überhaupt  zur  Verfügung  stehenden  Arbeitstruppen
  gehörte  aber  frühzeitig  an  die  Angriffsfront.  Die  Vorbereitungen
an  anderen  Stellen  konnten  keine  umfassenden  sein.  Immerhin  war  eine
Täuschungsmöglichkeit  vorhanden.  Durch  umsichtig  geleiteten  Abwehrdienst
war  diese  zu  vervollständigen.

Ich  habe  über  die  zu  wählende  Angriffsfront  mit  den  Heeresgruppenchefs
  und  den  Herren  meines  Stabes  gesprochen  und  ihre  Ansichten  gehört.
Drei  Abschnitte  kamen  in  Frage:  In  Flandern,  von  Dpern  bis  Lens,
zwischen  Arras  und  St.  Zuentin  oder  La  Fere  und  beiderseits  Verdun
unter  Aussparung  der  Festung.  Alle  drei  Richtungen  hatten,  wie  es  immer
in  solchen  Fällen  ist,  vieles  für  und  gegen  sich.

Feindliche  Streitkräfte  in  großer  Stärke  standern  um  BDpern  und  Arras,
vor  der  Ailettestellung  und  ostwärts,  bis  in  die  Gegend  Verdun,  die
schwächste  Stelle  war  beiderseits  St.  Quentin;  mehr  nach  Norden  zu  stand
der  Feind  seit  den  Schlachten  bei  Cambrai  dichter.

Das  Gelände  war  bei  dem  nördlichen  Angriff  schwierig.  Die  Gangbarkeit
  der  Lys-Niederung  westlich  Lille,  über  die  der  Schwerpunkt  des
Angriffs  gehen  mußte,  war  von  Jahreszeit  und  Witterung  ungemein  abhängig.
  Vor  Mitte  April  war  auf  ihre  Betretbarkeit  außerhalb  der  Wege
nicht  mit  Sicherheit  zu  rechnen.  Das  war  in  Rücksicht  auf  Amerika  sehr  spät.

Der  mittlere  Angriff  bot  der  Bodenbeschaffenheit  nach  keine  Schwie-