274 Johannes Ficker:
beschreibt: die Gutthaten Gottes, die er uns umsonst schenkt, nicht
in der Messe, sondern mit dem Opfer seines Blutes und Todes einmal
am Kreuze, zu unserm Heil, so wir daran glauben, „aus welchem
glauben dann als aus dem leben der seel auch die lieblichen
zaychen und würklich übungen, das ist die schönen, lieblichen süssen
frucht der rechtgeschaffen und von Gott bevolhenen guten werken
des täglichen absterbens dem flaisch durch das creuz, auch brüderlicher
trew und liebe härfliessen und wachsen“!). Das Nachtmahl
ist „dankbare widergedächtnuss der gutthat Christi, uns durch seinen
tod und blutvergyssen bewisen, auch bezeugung der brüderlichen
lieb, in dero kraft wir all, gleych als die körnlin ains brots
zermalen und zusamen gekneten sein sollen“ ?). Alles Andere sind
Missbräuche. „All euer ding lassend geen in der liebe, erstattend
täglich euwere mangel, freüwend euch, werdent getröst, habend
aynerlay mut und sinn, seind fridsamb, so würt Gott der liebe
und des frids mit euch sein“. Der vorwärtstreibenden Gleichmachung
in Lehre und Brauch trat Blaurer selbst offen nach der
Berner Synode im Thurgau entgegen, der ja von jeher als Einflussgebiet
von Konstanz betrachtet worden war. 1529 predigte er
hier, dass es gleich gelte, ob man glaube, es sei Blut und Fleisch
im Brot des Herrn oder nicht, denn es sei nicht ein Artikel des
Glaubens. Den gleichen Standpunkt vertrat sein ehemaliger Kollege
Bertschi, seit 1528 wieder Pfarrer in Ermatingen, und wurde
deshalb von der Frauenfelder Synode zur Rechenschaft gezogen.
Blaurer liess sich aber nicht abhalten, im Sommer 1530 ım Thurgau
seine Ansicht zu wiederholen °).
Den vollen Eindruck einer geschichtlichen Bewegung geben
aber doch erst die praktischen Veränderungen, und gerade für die
Konstanzer Reformation ist zur Erkenntnis ihrer eigentümlichen
Züge der Rahmen der geschaffenen Verhältnisse unentbehrlich.
Es war für ihre Ausgestaltung eine grosse Erleichterung, dass
Bischof und Geistliche das Feld räumten. „Wann es allenthalben
were wie zu Costanz, do sy selbs hinweggezogen sind*,
äusserte Luther 1536 zu J. Zwick). Aber auch die Elemente,
die anderwärts viel Schwierigkeiten bereiteten, sind hier leicht
überwunden worden. Zwar dass man mit der Wiedertaufe gar
1) BI. BIL
2) Bl. (A IV).
3) Vgl. EcLı in Analecta reform. I, 74.
4) Konstanzer Stadtarchiv, Ref. Urkunden Fasc. 10.