Full text : Zur Vorgeschichte des Weltkrieges.

Wie  die  Allianzen  unter  den  Herrschern  und  Kabinetten  wechselten,
so  wechselten  auch  die  Siege  und  die  Niederlagen.  Unter  den
blutigen  Opfern  der  Völker  und  der  Verwüstung  der  von  den
Kriegen  heimgesuchten  Gegenden  blieben  der  Länderbesitz  und  die
Mächteverhältnisse  so  ziemlich  die  alten.  Als  stärkste  Macht  unter
den  Rivalen  in  den  innereuropäischen  Kämpfen  erwies  sich  Frank—
reich,  weil  es  in  sich  national  geschlossen  war  und  einheitlich
regiert  wurde.  Was  es  aber  etwa  an  Landstreifen  gewann,  wurde
reichlich  aufgewogen  durch  die  Stellungen,  die  es  in  anderen  Erd—
teilen,  Amerika  und  Asien,  zugunsten  Englands  verlor.  Ähnlich
erging  es  der  österreichischen  Hausmacht.  Nach  den  Erfolgen
ihres  Widerstandes  gegen  das  Vordringen  der  Türken  trat  das
im  Zeitalter  Peters  des  Großen  und  der  Zarin  Katharina  erstarkte
  Rußland  als  Erbe  des  „kranken  Mannes“  in  Konstantinopel
für  den  Südosten  Europas  auf.  Nach  Westen  vergrößerte  es
seinen  Besitz  durch  Zertrümmerung  des  allmählich  durch  Mißwirtschaft
  und  inneren  Streit  zerrütteten  Wahlkönigreichs  Polen.
Dabei  fielen  kleinere  Teile  an  Österreich  und  an  das  während  des
Verfalles  des  alten  deutschen  Reichs  aus  eigener  Kraft  unter  dem
Großen  Kurfürsten,  dem  Soldatenkönig  und  seinem  großen  Sohn
eniporgekommene  Preußen.

Aber  Rußland  blieb,  abgeschlossen  von  den  Hauptstraßen  des
Weltmeeres,  immer  noch  Großmacht  nur  zu  Lande.  England  dagegen
  hatte  sich,  inzwischen  Beherrscherin  der  Meere  geworden,
an  den  Küsten  aller  Erdteile  Stützpunkte  geschaffen  und  große
Kolonien  erworben  und  trat  so  in  allen  Erdteilen  als  Weltmacht
auf.  Als  solche  konnte  sich  England  erst  recht  frei  nach  innen
und  außen  festigen  und  entwickeln,  nachdem  sein  grimmigster
Gegner,  Napoleon,  mit  Hilfe  der  Zentralmächte  und  Rußlands
niedergerungen  und  von  einem  englischen  Schiff  als  Gefangener
nach  St.  Helena  verbracht  worden  war.

Auf  dem  Wiener  Kongreß  wurde  mit  Errichtung  des  deutschen
Bundestags  als  Zentrale  der  Glieder  des  ehemaligen  Reichs  die
deutsche  Frage,  die  Frage  der  Bildung  eines  Nationalstaats  unter
Beteiligung  des  Volks  am  Gestalten  seiner  eigenen  Geschicke,  in
die  Zukunft  verschoben,  nicht  gelöst.  Gelöst  werden  konnte  sie
nicht  vom  großdeutschen  Standpunkte  aus,  der  den  Nationalitäten

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