Full text : Sozialdemokratie, Christentum, Materialismus und der Krieg.

130

dieser  durch  das  partikularistische  Staatskirchentum,  das  eine  Idee  der
bürgerlichen  Freiheit,  die  hieraus  irgendwie  gefolgert  werden  könnte,
als  Todfünde  bekämpfte,  auch  beengende  Schranken  gesetzt  waren,  so
waren  doch  die  Gedankenfreiheit  und  der  daraus  hervorgehende  Forschungstrieb
  nicht  beengt.  Der  letztere  hat  aber  mit  der  Erfindung  der
Dampfmaschine  eine  wirtschaftliche  Entwicklung  eingeleitet,  die  auf
philosophischem  und  auch  politischem  Gebiet  bereits  so  manches  umgewertet
  hat  und  noch  umwertet,  so  daß  von  einer  ungünstigen  Beeinflussung
  durch  die  Religion  in  dieser  Beziehung  nichts  mehr  zu  befürchten
  ist.

Do  die  Jesuiten  die  Philosophie  des  heiligen  Thomas  mit  ihrer
Anwendung  auf  den  Glauben  im  wesentlichen  zu  ihrer  Anschauung
gemacht  haben,  und  da  von  der  katholischen  Kirche  alle  späteren  Philosophen,
  die  eigene  Ansichten  entwickelt  haben,  auf  den  Index  gesetzt  sind,
so  betrachtet  sie  ihre  theoretische  Entwicklung  als  abgeschlossen.  Anders
der  Protestantismus.  Hier  ist  die  Forschung  und  Spekulation  auf
theologischem,  philosophischem  und  naturwissenschaftlichem  Gebiet  noch
ununterbrochen  tätig.  Wenn  es  sich  schließlich  dabei  bisher  auch  nur
um  eine  aufweichende  und  auflösende  Tätigkeit  gehandelt  hat,  so  wird
doch  sicher  auch  ein  positiver  Erfolg  nicht  ausbleiben,  der  dem  deutschen
Volke  endlich  das  ersehnte  seelische  Gleichgewicht  bringt.

Mit  den  naturwissenschaftlichen  Errungenschaften  setzte  auch  bald
ein  philosophischer  Materialismus  ein.  Dieser  mußte  aber  wegen  der
hypothetischen  Natur  seiner  Theorien  und  der  Unzulänglichkeit  derselben
  in  der  Gesamtheit  in  seinen  Folgerungen  ebenso  dogmatisch  vorgehen,
  wie  die  christliche  Lehre,  er  konnte  infolgedessen  dieser  vor  der
Hand  keinen  Abbruch  tun.  Anders  der  philosophische  Idealismus,  der
auf  demselben  Gebiet  zur  Kußerung  kam,  wie  derjenige  der  Kirche.  Hier
war  es  im  17.  Jahrhundert  zuerst  der  Franzose  Rens  Desrartes,  der
mit  seiner  Philosophie  reformatorisch  wirkte.

Descartes  ging  nicht  von  irgend  einer  Erkenntnis  durch  Offenbarung
  aus,  sondern  verwies  den  spekulativen  Geist  auf  das  Denken.
Durch  seinen  Fundamentalsatz:  cogito,  ergo  sum!  (ich  kann  denken,
daher  bin  ich)  hat  er  deutlich  ausgedrückt,  daß  wir  zunächst  auf  unser
eigenes  Bewußtsein  beschränkt  sind,  und  daß  die  Welt  uns  nur  als  Vorstellung
  gegeben  ist.  Er  erkannte  aber  auch  schon  die  Unsicherheit  unserer
ganzen  Erkenntnis,  die  er  durch  seinen  Zweifel  an  der  Außenwelt
ausdrückte  und  der  darin  seine  Begründung  hat,  daß  sich  unsere  Erkenntnis
  aus  einem  subjektiven  und  einem  objektiven  Teil  zusammensetzt.
Den  Zweifel  an  der  Außenwelt  beruhigte  er  mit  der  Annahme,  daß
uns  Gott,  den  er  neben  uns  als  wirklich  annahm  und  den  er  aus  der
a  Ppriori-Idee  in  uns  ableitete,  nicht  betrügen  werde.  Neben  der