Full text : Gesetz- und Verordnungs-Blatt für das Königreich Bayern. 1906. (33)

Spies:  Englische  Weltpolitik  (Imperialismus)

wer-,  und  vom  Kriegsminister  von  Neuseeland  lief
ein  Kabelgramm  ein:  =  Neuseeland  wird  seine  Pflicht
tune.  Daß  am  gleichen  Tage  1913  wie  schon  1911
an  der  Nelsonsäule  auch  ein  Kranz  für  die  bei  Trafalgar
  gefallenen  franföfischen  und  spanischen  Soldaten
  von  der  »Navy  League«  niedergelegt  wurde,
warf  beim  Vergleich  mit  der  unterdrückten  Waterloofeier
  ein  helles  Schlaglicht  auf  den  wirklichen  Stand
der  Dinge  in  Europa.  Der  eigentliche  dem  englischen
Reich  gewidmete  Festtag  ist  der  Geburtstag  der  Königin
  Viktoria,  der  24.  Mai,  der  auf  eine  Anregung
von  Kanada  aus  durch  die  -British  Empire  Leagne.-zum
  „Empire  Day-  gewandelt  wurde.  Trotz  der
dielfachen  Bemühungen  des  Earls  of  Meath  ist  diesem
Tage  bisher  die  offizielle  Anerkennung  versagt  geblieben.
  Neben  diesen  allgemeinen  Festtagen  ist  es
neuerdings  in  London  üblich  ———  auch  die
Sonderfeste  Australiens,  den  -Wattle  Day.  (26.  Januar),
  und  Kanadas,  den  -Dominion  Day.  (1.  Juli),
zur  Feier  ihrer  Begründung  als  Einheit  mit  inrperialistischem
  überschwang  zu  begehen.  Auf  imperialistische
  Massensuggestion  war  im  Krönungsjahr  1911
das  Festival  of  ire  berechnet;  hierbei  wurden
im  Kristallpalast  bei  London  24  Szenen  aus  der  Geschichte
  der  Hauptstadt  mit  dem  bemerkenswerten  Untertitel
  „Heart  of  the  Empire  unter  tätiger  Mitwirkung
  von  Teilnehmern  aus  den  Kolonien  vorgeführt=
  Da  Ausstellungen  in  London  die  beste  Reame
  für  eine  Idee  bedeuten,  war  für  1915  eine
"Britich  Empire  Exhibition-  geplant  gewesen,  die
wegen  des  Krieges  unterbleiben  mußte.  Leider!  Denn
schon  am  30.  August  1913  hatte  der  -Daily  Telegraph.
  im  Hinblick  auf  diese  Ausstellung  zu  prophezeien
  riskiert:  „  Alles  deutet  darauf  hin,  daß  1915
unser  Imperial  Lear“  werden  wird.  London  wird
dann  nicht  nur  dem  Namen  nach  die  „Imperial  City“
sein,  die  über  allen  anderen  Städten  thront.  Durch
die  Ausstellung  werden  wir  an  unsere  ruhmvolle  Vergangenheit
  ebenso  erinnert  werden  wie  an  die  nicht
minder  Florreiche  Zukunft,  die  schon  in  unserer  Hand
ist.  ..  London,  als  die  „Imperial  City,  wird  Tausende
  von  Gästen  in  einem  „Imperial  Spirit“  bewillkommnen.
  Es  wird  einen  Eckpfeiler  an  den  Bausetzen,
der  unseren  Nachkommen  als  kein  geringes  Denkmal
unserer  politischen  und  geschäftlichen  ()  Klugheit  und
unseres  Glaubens  an  die  Mission  der  englischen  Rasse
erscheinen  wird.

Hieraus  geht  schon  hervor,  daß  man  in  imperialistischen
  Kreisen  großen  Wert  auf  Besuche  von  und
in  den  Überseeischen  Besitzungen  legte.  Solche  trupen
teils  einen  rein  politischen  Charakter,  wie  die  der  -Em-Pire
  Parliamentary  Association  (16.  Juli  dis  17.
November  19138),  teils  einen  wirtschaftlichen,  wie  der
„Congress  of  Chambers  of  Commerce  of  the  British
  Empire  (Juni  1912  in  London,  1915  in  Toronto,
  Kanada),  teils  einen  intellektuellen,  wie  der  am

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2.  Juli  1912  im  „Imperial  Institute  zu  London,
von  Lord  Rosebery,  dem  =  Orator  of  the  Empire:,
begrüßend  eingeleitete  Kongreß  von  52  Universitäten
des  Empire.  Auch  die  Krönungsfahrt  des  englischen
Königspaares  zum  Durbar  nach  Indien  1911  diente
natlirlich  den  imperialistischen  Interessen.  Die  Bedeutung
  der  imperialistischen  Unterjochung  des  Erdballs
  kam  bei  dieser  Gelegenheit  dadurch  zur  Geltung.
  daß  der  König,  wie  schon  bei  seiner  Weltreise
rund  zehn  Jahre  vorher,  keinen  nichtenglischen  Hafen
anzulaufen  brauchte.  Als  sichtbares,  hochragendes
Zeichen  des  englischen  Imperialismus,  besonders  in
wirtschaftlicher  Beziehung,  steht  im  vornehmen  Westen
Londons  das  zum  50jährigen  Regierungsjubiläum
der  Königin  Biktoria  von  1887—  93  errichtete  -Imperial
  Institute  of  the  United  Kingdom,  the  Colonies,
  and  India“.  Den  engen.  historisch  begründeten
Zusammenhang  zwischen  Entdeckern  und  Erforschern
und  dem  engischen  Imperialismus  versinnbildlicht
das  unmittelbar  dahinter  gelegene  neue  Heim  der
»Royal  Geographical  Society-,  dieses  important
factor  in  the  life  of  the  Empire;  ein  Blick  in  die
Mitgliederliste  bestätigt  das  schon  äußerlich.  Earl
Grey,  der  frühere  Verwalter  von  Rhodesien  und  Generalgouverneur
  von  Kanada,  der  am  5.  Juli  1912
Watts  Statue  der  Energie  mit  ihrem  Blick  auf  das
englisch  ·  imperialistische  Ziel  „Afrika  vom  Kap  bis
Kairo  britische  als  Denkmal  für  Cecil  Rhodes  am
Tafelberg  in  Südafrika  eingeweiht  hatte,  setzte  1913
seinen  ganzen  Einfluß  für  die  Errichtung  eines  ein.
igen  gemeinsamen  Regierungsgebäudes  der  selbstänigen

  Kolonien  in  London  auf  dem  noch  unbebauten
Gelände  am  Strand  ein.  Aber  dieser  große  Gedanke
eines  „Lighthouse  of  Empire-,  eines  „Reichsleuchtturms-,
  wurde  bereits  in  seinen  Unfängen  rauh  durchkreuzt,
  indem  Britisch-Kolumbien  seine  eigenen  Wege
ging  und  sich  weiter  westlich,  in  Regent  Street,  an.
daute.  Die  Schwierigkeiten  und  Probleme,  denen  sich
der  englische  Imperialismus  trotz  großer  Worte  und
lärmender  Reklame  in  wachsendem  Maße  gegenübersieht,
  wurden  hierdurch  gewissermaßen  symbolisiert.

Am  gesprochenen  und  geschriebenen  Wort  fehlt
es  im  Lande  des  Individualismus  gewiß  nicht,  und
der  Idee  des  Empire  ist  es  in  reichlichem,  im  Laufe
der  Zeit  immer  größerem  Maße  gewidmet  worden.
Die  ersten  Männer  Englands,  ob  konservativ  oder
liberal,  streben,  wenn  auch  auf  verschiedenen  Wegen,
doch  demselben  imperialistischen  Endziel  zu,  der  Beherrschung
  und  Beglückung  der  gesamten  Menschheit
durch  englisches  Wesen  und  englische  Kultur,  so  etwa
wie  William  Ernest  Henley  (1849—1905)  den  Imperialismus
  um  jeden  Preis  gepredigt  hatte  und  wie
ihn  Rudyard  Kipling,  der  »Poet  Laureate:  von
Größer  Britannien  (geb.  1866),  dem  zeitgenössischen
England  mit  Fanfarenklängen  in  das  Ohr  posaunt.

Irland  und  die  irische  Frage
von  Privatdozent  Dr.  Pokorny  in  Wien

Bis  zur  völligen  Bereinigung  mit  England.
Das  von  einer  iberisch  -piktischen  Urbevölkerung  bewohnte
  Irland  wurde  um  300  v.  Chr.  von  gallischen
  Kelten  erobert.  Nach  Einführung  des  Christentums

  (im  4.  Jahrhundert)  erreichte  die  keltische
Kultur  ihre  höchste  Blüte,  und  irische  Mönche  wurden
die  Lehrmeister  des  germanischen  Abendlandes.  Die
im  9.  und  10.  Johrhundert  einfallenden  Wikinger
gingen  gänzlich  in  der  irischen  Nation  auf.  1169  eroberten
  die  AUnglonormannen  einen  Teil  der
Insel,  die  bis  dahin  von  England  völlig  unabhängig