Full text : Leopold von Ranke's sämmtliche Werke. 27. und 28. Band. Zwölf Bücher Preußischer Geschichte. Fünftes bis neuntes Buch. (27)

Unterhandlungen  bis  zur  Berabredung  von  Kleinschnellendorf.  455

Ernstliches;  Frankreich  werde  sich  gewiß  des  Kurfürsten  von  Baiern
erst  dann  annehmen,  wenn  dieser  eine  hinreichende  Anzahl  von  Stimmen
  im  kurfürstlichen  Collegium  gewinne,  um  eine  Spaltung  darin
zu  veranlassen;  doch  lasse  sich  das  noch  verhindern.

Auch  die,  welche  die  Dinge  nicht  in  so  günstigem  Lichte  sahen,
meinten  doch,  daß  es  in  der  Hand  des  Hofes  stehe,  ob  er  sich  unter
französischer  Vermittelung  mit  Baiern  oder  unter  englischer  mit  Preußen
vergleichen  wolle;  und  im  Grunde  schien  ihnen  das  erste  das  Rathsamste.
  Carl  Albert  werde  sich  mit  den  Niederlanden  befriedigen  lassen,
was  so  gar  unvortheilhaft  nicht  wäre,  da  man  sich  dagegen  die  nächsten
  Bezirke  seiner  Erblande  ausbedingen,  Baiern  aber,  einmal  in  den
Niederlanden  festgeworden,  als  eine  Vormauer  gegen  Frankreich  dienen
würde.

Und  so  war  man  noch  im  Laufe  des  Juni  weit  davon  entfernt,
sich  auf  die  Bedingungen  des  Königs  von  Preußen  einzulassen.  Selbst
der  sehr  wenig  französisch  gesinnte  Großherzog,  der  aus  der  persfönlichen
  Kenntniß  von  der  Denkweise  des  Königs,  die  er  habe,  den
Schluß  zog,  daß  sich  derselbe  niemals  mit  Frankreich  vereinigen  würde,
trug  dazu  bei.  Von  den  entgegengesetzten  Seiten  ward  die  Meinung
erhalten,  daß  man  sich  in  keiner  dringenden  Gefahr  befinde.

Es  macht  einen  peinlichen  Eindruck,  sich  dieser  Nebelbilder  zu
erinnern,  die  aus  dem  Boden  eigener  Wöünsche  und  unzureichender
Erfahrung  aufstiegen,  aber  nun  plötzlich  vor  der  Wahrheit  der  Thatsachen
  zurückweichen  mußten.

Der  König  von  England  theilte  die  Nachricht  mit,  daß  ein  Bündniß
  zwischen  Frankreich  und  Preußen  geschlossen  sei.  Die  Spuren,  die
er  davon  hatte,  waren  sicher  und  unleugbar;  an  der  Richtigkeit  seiner
Anzeige  ließ  sich  nicht  zweifeln.

Einen  mächtigern  Eindruck  hatte  selbst  die  erste  preußische  Invasion
  an  dem  Hofe  nicht  hervorgebracht;  die  ganze  Lage  der  Welt,
wie  man  sie  noch  soeben  vor  sich  zu  sehen  glaubte,  ward  dadurch
umgekehrt.

Wir  wissen  nicht,  wie  sich  Bartenstein  dabei  verhielt;  von  dem
Großherzog  erzählt  Robinson,  die  Königin  habe  ihm,  wiewol  nicht
ohne  Zärtlichkeit,  einen  Vorwurf  darüber  gemacht,  daß  er  sich  in  der
Politik  Friedrichs  II  getäuscht  habe.  Der  Großherzog  hätte  antworten

de  croire  qdue  la  France  n'attaquera  pas  les  Stats  de  la  reine  du  moins
avant  de  porter  a  une  scission  dans  le  collége  électoral  la  qduelle  peut
Etre  empechée  par  des  moyens  moins  nuisibles  que  ne  seroit  la  cession
d'une  partie  de  la  Silésie.  (Eine  seiner  Noten  aus  dieser  Zeit.)