Volltext : Gesetz- und Verordnungs-Blatt für das Königreich Bayern. 1907. (34)

112  Geschichte  der  Societät  von  1700-1711.

Das  berlinische  Haupt  der  Soecietät  dagegen,  der  Hofprediger
D.  E.  Jauroxskı  (1660-1741),  war  durch  Geburt,  Schicksal  und  Neigung
  ein  »europäischer«  Theologe  und  als  solcher  wolıl  berufen,  in
Leisxizens  Abwesenheit  die  Societät  zu  leiten.  Sein  ökumenischer
Protestantisnius,  dem  alle  nationalen  Ecken  und  Kanten  fehlten,  war
ein  Erbtheil  seines  Heimathlandes  und  seines  Grossvaters.  JABLONSKI
stammte  aus  der  Unität  der  böhmischen  Brüder  und  war  ein  Enkel
des  Amos  Conmrxius.  Die  religiöse  'Toleranz  bei  allem  Erust  in  der
Vertheidigung  des  eigenen  Glaubens,  die  Richtung  auf  das,  was
allen  Protestanten  gemeinsam  ist,  das  unermüdliche  Streben,  sie  zu
einigen  und  die  Bedrängten  zu  schützen,  die  praktische  Haltung  in
der  Religion  alles  Ideale,  die  den  quietistischen  und  auf  sich
beschränkten  Lutheranern  damals  erst  langsam  aufgingen  —  waren
deın  Enkel  des  Coxenivs  von  frühester  Jugend  an  gleichsam  etwas
Selbstverständliches.  In  die  pietistischen  Streitigkeiten  mischte  er  sich
nicht  —  ihm  waren  sie  längst  entschieden.  Dass  hier  im  deutschen
Geiste  etwas  Verborgenes  nach  Freiheit  rang,  was  auch  die  Reformirten
noch  nicht  besassen,  ahnte  er  als  Slave  nicht.  Mit  der  gründlichsten
Kenntniss  der  reformirten  Kirchen  anderer  Länder  und  der  englischen
Staatskirche,  die  er  besonders  schätzte,  und  mit  einer  trefflichen  tlıeologischen
  Ausbildung  verband  er  die  sicherste  Einsicht,  dass  alles
Denken  und  Reden  auch  in  der  Kirche  unfruchtbar  bleibt,  wenn  es
nicht  zur  That  treibt.  Nach  kurzem  Wirken  in  Magdeburg,  Lissa  und
Königsberg  wurde  er  im  Jahre  1693  nach  Berlin  als  Hofprediger
berufen.  In  diesem  Amt  hat  er  48  Jahre  unter  drei  preussischen
Königen  gestanden  und  4ı  Jahre  der  Societät  angehört,  deren  Mitstifter
  er,  Pläne  seines  Grossvaters  verwirklichend,  gewesen  ist.  Wie
er  in  dieser  Zeit  den  hervorragendsten  Antheil  an  der  preussischen
Kirchenpolitik  gehalt  hat,  die  so  eng  mit  der  Politik  des  Staates
verbunden  war,  so  war  er  auch  neben  Leisnız,  dem  Haupte,  und
Cuneau,  dem  kundigen  Geschäftsführer,  der  Leiter  der  Societät,  zuletzt
  auch  ihr  wirklicher  Präsident  (seit  1733).  Weder  durch  glänzende
  Gaben  noch  durch  bahnbrechende  Leistungen  ausgezeichnet',
war  er  den  Franzosen  durch  die  Weite  und  Umsicht  seines  Blickes
und  seine  reichen  enceyklopädischen  Kenntnisse  ebenbürtig  und  über-!

  Doch  gilt  seine  Ausgabe  des  Alten  Testaments  als  eine  tüchtige  Leistung,
die  auf  selbständigen  textkritischen  Studien  beruht.  Aus  einer  von  ihm  gegebenen
Anregung  stammt  die  Berliner  Ausgabe  des  babylonischen  Talmuds.  Seine  Briefe
zeigen.  dass  er  der  Entwicklung  der  klassischen  Philologie  in  England  folgte  und
für  geschichtliche,  geographische  und  auch  juristische  Fragen  sich  interessirte.