698 IIl, 8. Der „nene Kurs. Schlußbeitrachtung.
und seine Einsicht wiederholt in össentlichen Aussprachen als die alleinige Richtschnur
und Quelle des öffentlichen Wohles bezeichnete. So sagte er bei einem Fest im Provinzialständehause
zu Düsseldorf am 4. Mai 1891, zwei Tage nach der zuletzt mitgeteilten
Ansprache Bismarcks an seine Wähler: „Einer nur ist Herr im Reiche und
das bin Ich, keinen anderen dulde Ich.“ Bei einem Besuche in München im November
1891 schrieb er in das Fremdenbuch der Stadt: „Suprema lex regis voluntas cstot
(des Königs Wille soll das höchste Gesetz sein), und bei dem Festmahl des brandenburgischen
Provinziallandtags am 24. Februar 1892 sprach er:
„Es ist ja keider jetzt Sitte geworden, an allem, was seitens der Regierung geschieht, herumzunörgeln
und herumzumäkeln. Unter den nichtigsten Gründen wird den Leuten ihre Ruhe
gestört und ihre Freude am Leben und Gedeihen unseres gesamten großen dentschen Vaterlands
vergällt. Aus diesem Nörgeln und dieser Verhetzung entstehl schlieslich der Gedanle, als sei unser
Land das unglücklichste und schkechtest regierte in der Well, und es sei eine Qual, in demselben
zu leben. Dast dem nicht so ist, wissen wir alle selbstwerständlich besser. Doch wäre es dann nicht
besser, daß die mißvergnügten Nörgler lieber den deulschen Skaub von ihren Pantosjeln schürtel
ten und sich unseren elenden und jammervollen Zuständen auf das schleunigste entzögen? Ihnen
wäre ja dann geholfen, und uns thäten sie einen großen Gesallen damit.. Lassen Sie sich nur
durch keine Nörgeleien und durch mißvergnügliches Parteigerede Ihren Blick in die Zukunft ver
dunkeln oder Ihre Freude an der Mitarbeit verkürzen. Mit Schlagwörtern allein ist es nicht
gelhan, und den ewigen mißvergnüglichen Anspielungen über den neuen Kurs und seine Männer
erwidere Ich ruhig und bestimmt: Mein Kurs ist der richlige, und er wird weiter gesteuerl.“
In diesen Aussprachen des Kaisers und der offiziösen Presse war Fürst Bismarck
nicht unmittelbar genannt. Doch offenbarte sich dentlich, wie abgünstig man in den
leitenden Kreisen Berlins gegen ihn gestimmt sei, nachdem Moltke gestorben
war. Am 26. Oktober 1890 hatte der große Schlachtendenker noch in voller Rüstigkeit
seinen 90. Geburtstag gefeiert, getragen von der dankbaren Liebe und Verehrung
ganz Deutschlands. Auch Fürst Bismarck hatte dem ruhmvollen Genossen seines
Lebenswerkes ein Glückwunschschreiben gesendet. Am Spätabend des 25. April 1891
aber schloß der Feldmarschall plötzlich die Augen für immer. Zu der Trauerfeier waren
vom Kaiser alle die Männer befohlen, die mit dem Geschiedenen am Aufban des Reiches
gearbeitet hatten. Der große Werkmeister dieses Baues aber, Fürst Bismarck, hatte
keine Einladung erhalten.
Wie das deutsche Volk diese Zurücksetzung empfand und seinen Altreichskanzler
ehrte, das bewies es am dentlichsten, als Fürst Bismarck im Juni 1892 zur Hochzeit
seines ältesten Sohnes, des Grajen Herbert mit der Gräfin Hoyos, von Friedrichsruh
nach Wien und dann von Wien über München und Augsburg nach Kisfingen reiste.
Mit unwiderstehlicher Naturgewalt jubelte auf diesem weiten Wege überall im Deutschen
Neiche und Deutsch-Osterreich die Dankbarkeit und Begeisterung des Volkes dem
Begründer der demschen Einheit, dem Heros des Jahrhunderts entgegen. Schon in
Berlin war die Begrüßung des Fürsten stürmisch. Von der sächsischen Grenze an ward
sie unbeschreiblich herzlich und bewegend, am großartigsten und glänzendsten in Dresden.
Auch die Deutschen in Osterreich, in Böhmen, Mähren, in Wien wetleiferten in begeisterten
Huldigungen vor dem größten Deutschen, dem Begründer des deutsch-