Full text : Zur Vorgeschichte des Weltkrieges.

den  persönlichen  Freunden  des  Königs  gehörte.  Auch  dem  Hanse
Bülow  stand  er  nahe.  Von  ihm  hörte  Graf  Bülow  in  Kiel,  der
König  stehe  anf  Grund  der  Kanzlerreden  im  Reichstage  unter
dem  Eindruck,  daß  er  für  England  nicht  freundlich  gesinnt  sei
oder  doch  den  Wert  guter  Beziehungen  zu  England  nicht  hoch
schätze.  Graf  Seckendorff  unternahm  es,  dem  König  ein  Exemplar
des  damals  schon  erschienenen  ersten  Bandes  der  Reden  Bülows
vorzulegen,  in  dem  sämtliche  Stellen  über  England  blau  angestrichen
  waren.  Damit  wurde  der  Gegenbeweis  geliefert,  daß
Bülow  stets  für  gute  Beziehungen  zu  England  eingetreten  war
und  oft  genug  vor  falscher  deutscher  Gefühlspolitik  gewarut  hat.
In  den  Gesprächen  mit  den  in  Kiel  anwesenden  englischen  Journalisten
  stieß  ich  aber  immer  wieder  auf  den  Einwand,  daß  das
Mißtrauen  in  England  gegen  den  Grafen  Bülow  begreiflich  sei,
da  er  in  seinen  Reden  auf  ein  freundliches  Wort  für  England  ein
noch  freundlicheres  für  Rußland  folgen  zu  lassen  pflegte.  Immerhin
  durfte  man  der  Versicherung  des  Königs  auf  einem  mit  vertrauensvollen
  Marinereden  gewürzten  Abschiedsmahle  beim  Prinzen
  Heinrich  Glauben  schenken,  daß  er  mit  den  angenehmsten
Eindrücken  nach  England  zurückkehre.  Von  einer  englischen  Einkreisungspolitik
  gegen  Deutschland  war  hier  nichts  zu  spüren.
Während  der  schönen  Kieler  Tage  begann  ganz  im  Stillen
das  Zerwürfnis  zwischen  Bülow  und  Holstein,
das  sich  mit  längeren  Unterbrechungen  bis  zum  April  1906  hinzog
und  mit  Ohnmacht  Bülows  im  Reichstag  und  dem  Ausscheiden
Holsteins  aus  dem  Amt  endigte.  Am  Tage  vor  meiner  Dienstreise
nach  Kiel  war  ich  bei  Holstein  auf  seinem  Zimmer.  Er  zeigte  mir
den  Entwurf  für  den  Kaisertoast  auf  dem  Galamahle  und  fragte
mich  nach  meiner  Meinung.  Ich  schlug  einen  Zusatz  zu  einer
Stelle  vor.  Holstein  stimmte  bei  und  bat  meich,  den  telegraphischen
Bericht  mit  dem  Abänderungsvorschlag  niederzuschreiben,  damit
er  sofort,  d.  h.  unter  Umgehung  des  Staatssekretärs,  abgeschickt
werde.  Da  mir  eine  solche  Eilfertigkeit  nicht  geboten  schien,  und
ich  es  unnötig  fand,  den  Staatssekretär  zu  verstimmen,  überließ  ich
es  Holstein,  mit  eigener  Hand  und  ohne  mich  das  Weitere  zu  veranlassen.
  Nach  einiger  Zeit  kam  der  Staatssekretär  auf  Holsteins
Zimmer  und  sprach  sogleich  von  dem  Entwurf  zum  Trinkspruch,

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