Full text : Europäischer Geschichtskalender. Siebenter Jahrgang. 1866. (7)

Frankrelch.  341

auf  Beendigung  der  Discussion  und  unterstützt  seinen  Wunsch  durch
die  Mittheilung  eines  Telegramms  aus  Italien,  das  er  soeben  erhalten
  habe,  wonach  Italien  die  officielle  Verpflichtung  übernommen
habe,  Oesterreich  nicht  anzugreifen.  Die  Kammer  ergibt  sich,  die
Discussion  wird  geschlossen  und  das  Contingentsgesetz  von  100,000
Mann  mit  248  gegen  16  Stimmen  angenommen.

6.  Mai.  Erwiederung  des  Kaisers  auf  eine  Ansprache  des  Maire  von
Auxerre  (Antwort  des  Kaisers  auf  die  Rede  des  Hrn.  Thiers  und

die  Demonstration  der  Kammer):

„Ich  sehe  mit  Vergnügen,  daß  die  Erinnerungen  an  das  erste  Kaiserreich
  in  Ihrem  Gedächtniß  nicht  erloschen  sind.  Glauben  Sie  Mir:  auch  Ich
habe  von  dem  Oberhaupt  Meiner  Familie  die  Gefühle  für  diese  energischpatriotischen
  Bevölkerungen  geerbt,  die  in  guten  und  schlimmen  Tagen  dem
Kaiser  treu  zur  Seite  standen.  Ich  habe  gegenüber  dem  Yonne-Departement
eine  alte  Schuld  zu  tilgen;  es  war  eines  der  ersten,  welche  Mir  im  Jahre-1848
  ihre  Stimmen  gaben;  denn  es  begriff,  wie  die  Mehrheit  des  französischen
  Volks,  daß  seine  Interessen  die  Meinigen  sind,  daß  Ich,  gleich  ihm,
jene  Verträge  von  1815  verabscheue,  die  man  heute  zur  einzigen
  Grundlage  unserer  auswärtigen  Politik  machen  will.
Ich  danke  Ihnen  für  Ihre  Gefühle;  in  Ihrer  Mitte  athme  Ich  frei  auf  (je
respire  à  l’aise);  denn  bei  den  arbeitsamen  Bevölkerungen  der  Städte  und
des  Landes  treffe  ich  den  wahren  Geist  Frankreichs  an."

8.  „  Eine  Depesche  des  Hrn.  Drouyn  de  l'Huys  an  den  Botschafter
in  London  kommt  neuerdings  auf  die  Idee  einer  Conferenz  der  neutralen
  Großmächte  behufs  Abwendung  eines  Krieges  in  Deutschland
zurück.

„  .  Wenn  die  Großmächte  den  herannahenden  Ereignissen  Halt  zu  gebieten
  wünschen,  so  müssen  sie  mit  Entschlossenheit  auf  ihrem  Recht  bestehen,
die  Fragen,  die  den  Continent  entzweien,  unter  ihre  Controle  zu  nehmen.
Hr.  Drouyn  de  l'Huys  denkt,  daß  es  unmöglich  sei,  über  die  Lösung  dieser
Fragen  sich  im  voraus  zu  verständigen,  daß  es  indeß  genügen  würde,  wenn
die  drei  Mächte  die  feste  Absicht  aussprächen,  sie  zu  lösen.

Lord  Clarendon  erklärt  dem  Botschafter,  daß  die  „feste  Absicht“
ein  sehr  zweideutiger  Ausdruck  sei,  daß  jedoch  England  einer  solchen
Absicht  nicht  beitreten  könnte,  wenn  darunter  gemeint  sein  sollte,
Preußen  zu  zwingen,  Schleswig-Holstein  nicht  zu  annectiren  oder
Oesterreich,  Venedig  herauszugeben.  Der  franz.  Botschafter  erwiedert,
Hr.  Drouyn  de  l'  Hupßs  sei  der  Ansicht,

„daß  es  gut  wäre,  die  Frage  der  eventuellen  Gewaltanwendung  unentschieden
  (réservér)  zu  lassen,  da  die  Beschlüsse  der  Mächte  alle  Kraft  verlören,
  wenn  sie  sich  im  voraus  und  ausdrücklich  des  Rechtes  begäben,  ihren
Entscheidungen  mit  den  Wassen  Nachdruck  zu  verleihen.“

17.  „  Hr.  Drouyn  de  l'Huys  theilt  den  Gesandten  Englands  und  Rußlands
  einen  ersten  Entwurf  für  das  Programm  einer  Friedensconferenz
  mit,  der  dahin  geht:

.1)  Die  Lösung  der  schleswig-holsteinischen  Frage  wird  der  Abstimmung
der  betreffenden  Bevölkerungen  anheimgegeben,  jedoch  unter  gewissen  Detailbedingungen,
  welche  später  werden  sestgestellt  werden;  2)  die  deutsche  Bundesreform,
  insofern  sie  das  europäische  Gleichgewicht  berührt,  wird  den  Gegenstand
  gemeinschaftlicher  Prüfung  durch  diejenigen  Mächte  bilden,  welche  die