9] R. Reinhard, Die wichtigsten deutschen Seehandelsstädte. 435
Demgemäß ist zuerst zu untersuchen, ob die klimatische Lage
der von uns betrachteten Städte eine für den Verkehr günstige ist oder
nicht; darauf ist ihre Lage innerhalb der beiden großen Formen der Erdoberfläche,
des Landes und des Wassers, sofern diese Träger des Verkehrs
sind, also ihre Weltverkehrslage zu erörtern. Als der eine
Anfangs- und Endpunkt dieses Weltverkehrs ist für sie ihr Hinterland
von besonderer Bedeutung, das ergiebt als nächsten Kreis der Betrachtung
ihre Lage zum Hinterland und die Verbindung mit
demselben. Sofern es sich hier um mehrere Städte handelt, die sich
in die Vermittlung des Verkehrs zwischen demselben Hinterlande und
dem Weltmarkte teilen, muß eine Untersuchung über die Lage der
Städte zu einander ergeben, wie weit sie sich bei diesem Geschäft
gegenseitig fördern oder hemmen, und schließlich ist noch ihre Lage
innerhalb ihrer nächsten Umgebung, ihre etwaige Abhängigkeit von
topographischen Verhältnissen, ihre Ortslage festzustellen.
1. Klimatische Lage.
Die deutsche Küste liegt ungefähr zwischen dem 53. und 56.°
nördlicher Breite, also mitten in der nördlichen Hälfte der Oekumene.
Damit ist sofort gesagt, daß hier alle Bedingungen für das menschliche
Leben noch gegeben sind; ja, diese Bedingungen sind noch so reichlich
vorhanden, daß sie die größten Bevölkerungsansammlungen in Gestalt
der oben aufgezählten großen Städte entstehen ließen.
Aber dieses Gebiet ist doch bereits so weit nördlich gelegen, daß
in seinen ungünstigsten Teilen klimatische Verbältnisse unter Umständen
störend auf den Verkehr einwirken können. Es geschieht nämlich fast
regelmäßig, daß die an der Nord- und Ostseeküste liegenden Flußmündungen
und Haffe sich im Winter auf kürzere oder” längere Zeit
mit Eis bedecken. Das ist für die Städte, die auf jene Gewässer als
auf ihre natürlichen Verkehrswege angewiesen sind, von weittragender
Bedeutung. Wir wissen, daß die Temperatur im allgemeinen von Südwesten
nach Nordosten zu abnimmt, da nun die deutsche Küste, während
sie nach Osten schreitet, gleichzeitig nach Norden emporsteigt,
so müssen die Temperaturverhältnisse für die ‘an ihr liegenden Städte
desto günstiger sein, je weiter dieselben nach Westen liegen. Genaue
Beobachtungen der Eisverhältnisse an den deutschen Küsten sind leider
erst seit dem Winter 1899—1900 gemacht worden, aber schon diese
eine!) Beobachtungsperiode bestätigt die Richtigkeit der oben aus allgemeinen
Temperaturgesetzen abgeleiteten Folgerungen.
Wir entnehmen das für uns Wichtigste einem in den „Annalen
der Hydrographie* Jahrg. XXVIII S. 537 veröffentlichten Bericht über
„die Eisverhältnisse an der deutschen Küste im Winter 1899/1900.
Nach diesem trat der Beginn in der Behinderung der Schiffahrt durch
Eis an der Nord- und Ostseeküste fast gleichzeitig ein, nämlich im
') Die Ergebnisse der Beobachtungen im vergangenen Winter sind noch nicht
veröffentlicht.