Volltext : Kriegführung und Politik.

Kriegführung  zur  See  zu  Kriegsbeginn.  77

so  zu  verstehen,  daß  Fehler,  die  immer  vorkommen  werden,  weniger
schaden,  wenn  man  stark  ist.

Wäre,  abgesehen  vom  Ausbau  der  Flotte,  unsere  Wehrmacht
zu  Lande,  unser  ausgebildeter  Ersatz,  zur  Aufstellung  von  Verbänden
  aller  Waffen  vollständig  ausgenutzt  worden,  ein  entscheidender
Sieg  an  der  Marne  wäre  uns  trotz  allen  begangenen  Fehlern  sicher
gewesen.  Wir  hätten  den  Krieg  gewonnen,  oder  der  Feind  hätte
überhaupt  nie  gewagt,  uns  anzugreifen.

Neben  die  Landkriegführung  trat  die  Kriegführung  zur  See.
Daß  nicht  eine  ausgesprochen  einheitliche  Leitung  vorhanden  war,
ist  zweifellos  ein  Fehler,  in  seiner  Wirkung  aber  nicht  zu  überschätzen.
  Die  Marine  hielt  sich  vor  Kriegebeginn  nicht  für  stark
genug,  die  Schlacht  unverzüglich  nach  beendeter  Mobilmachung  zu
wagen.  Ihr  war  zudem  der  Vernichtungsgedanke  noch  nicht  in
Fleisch  und  Blut  übergegangen.  Der  politische  Gedanke  der  „Risiko-Flotte“
  hatte  störend  auf  ihr  strategisches  Denken  eingewirkt.  Auch
die  Armee  war  schließlich  eine  „Risiko-Armee“  und  schritt  doch  an
entscheidender  Stelle  zum  Angriff.  Ebenso  falsch  war  der  Gedanke
einer  Flotte  „in  being“,  d.  h.  eines  Aufsparens  ihrer  Kräfte  für  den
Friedensschluß.

Sehr  bald  regten  sich  Stimmen  in  der  Marine,  die  eifrig  den
Einsatz  der  Flotte  in  der  Seeschlacht  verlangten.  Da  griff  die  Politik
entscheidend  und  verhängnisvoll  ein").  Der  Reichskanzler  wollte
durch  den  Einsatz  der  Flotte  England  nicht  reizen.  Er  glaubte
immer  noch,  England  wolle  sich  möglichst  bald  aus  dem  Kriege  mit
uns  herausziehen  und  halte  seine  Flotte  zurück,  „um  keine  Entscheidung
  für  Verlängerung  des  Krieges  zu  geben“.  Er  meinte
daher,  wir  müßten  genau  so  verfahren,  um  England  die  Möglichkeit
zu  geben,  den  Frieden  herbeizuführen,  und  wirkte  in  diesem  Sinne.
Ein  ärgeres  Verkennen  der  politischen  Ziele  Englands  und  des
Wesens  und  der  Gestalt  des  Krieges,  der  soeben  begonnen  hatte,
und  ein  unglücklicheres  Eingreifen  der  Politik  in  die  Kriegsührung

*)  „Der  Krieg  zur  See  1914—1918“,  herausgegeben  vom  Marine-Archiv.
Erster  Band.  Berlin  1920.