Inhaltsverzeichnis : Reichs-Gesetzblatt. 1888. (22)

Das  Undeutsche  unserer  Bildung.  45

Fällen  in  vorbildlicher  Weise  geschah,  so  ist  das  nur  um  so  aner—
kennenswerter.

Besonders  verhängnisvoll  mußte  es  werden,  daß  die  höheren
Schulen,  aus  denen  die  geborenen  Führer  des  Volkes  hervor—
gingen,  in  viel  zu  geringem  Umfange  deutschem  Bildungsgute
nachstrebten.  Sie  erhoben  Fremdes  statt  Deutschem  zur  Haupt—
sache  deutscher  Bildung:  sie  versetzten  die  deutsche  Jugend  nicht  in
die  germanische  Geisteswelt,  gaben  ihr  keine  Ehrfurcht  vor  unserer
Vergangenheit,  kein  einheitlich  deutsches  Staatsgefühl.  Vielseiti—
ges  Wissen  nahm  der  Schüler  auf;  geschichtliches  Denken,  Ein—
dringen  in  die  Natur,  deutsches  Volkstum,  Körper-  und  Willensstählung,
  Pflege  des  Kameradschaftsgefühls  und  des  Verständnisses
für  Unterordnung  kamen  zu  kurz,  der  Wert  der  Handarbeit  wurde
nicht  richtig  eingeschätzt.  Mag  das  Wissen  dem  einzelnen  Menschen
viel  gegeben  haben,  Volk  und  Staat  zogen  nicht  genügend  Nutzen
daraus.  Hierauf  kommt  es  an.  In  unserem  buntscheckigen  höheren
Schulwesen  sollten  die  Realschulen  aller  Art  die  Jugend  besser  für
das  tägliche  Leben  heranbilden;  aber  auch  sie  standen  unter  dem
Einflusse  der  nun  einmal  bei  uns  herrschenden  Ansichten  über  Erziehung
  und  Bildung  und  zeitigten  ähnliche  Ergebnisse.  Selbst  in
den  Kadettenanstalten  war  dies  der  Fall,  obschon  hier  auf  Festigung
  der  Willenskräfte,  auf  Mannszucht,  Körperstählung  und
kameradschaftlichen  Zusammenhalt  mehr  Wert  gelegt  wurde.  Selbstverständlich
  gibt  es  zu  dem  Gesagten  Ausnahmen.  Allgemein  gültig
dürfte  die  Feststellung  sein,  daß  unsere  höheren  Schulen  uns  kein
geschlossenes  Volksgefühl,  keinen  harten  Lebenswillen,  keine  Kampfentschlossenheit
  gaben  und  unserer  weltbürgerlichen  Veranlagung,
unserem  Hang  zur  Eigenbrötelei  und  zum  Ausleben  der  Sondertriebe
  nicht  entgegenarbeiteten,  sondern  Vorschub  leisteten.

Mit  der  Erziehung  und  Bildung  der  weiblichen  deutschen
Jugend  war  es  ähnlich  bestellt.

Nun  hört  man  oft,  der  Schulmeister  habe  die  Kriege  1866
und  1870/71  gewonnen.  Moltke  sagt  darüber  in  seiner  Reichstagsrede
  vom  16.  Februar  1874:  „Meine  Herren,  das  bloße  Wissen
erhebt  den  Menschen  noch  nicht  auf  den  Standpunkt,  wo  er  bereit