Full text : Weltkrieg und Gottesreich.

IV.  Reformation  und  ständischeo  Regiment.  20%0

der  Kaiser  an  Gewalt  gegen  die  Protestanten  noch  immer  nicht
denken.  Als  daher  Joachim  im  Mai  1538  in  Bautzen  die
böhmischen  Lehen  von  König  Ferdinand  empfing,  gewann  er
diesen  für  den  Versuch  zu  einer  Verständigung  ohne  die  Kuric.
Die  Schmalkaldener,  die  Kurfürsten  —  außer  dem  Mainzer
—  slimmten  bei.  Auch  der  Kaiser  war  einverstanden  und  bereit,
neben  dem  Pfalzgrafen  Ludwig  Joachim  selbst  als  Vertreter
der  Protestanten  zuzulassen.  Daß  dieser  noch  nicht  auedrücklich
übergetreten  war,  sondern  die  Formen  der  alten  Kirche  festhielt,
  empfahl  ihn  besonders.  Bei  den  Evangelischen  aber  erregte
  eben  dies  ernste  Besorgnisse,  obgleich  der  Frankfurter
Anstand  vom  19.  April  1539  die  Einstellung  der  vom  Reichekammergericht
  gegen  Protestanten  eingeleiteten  Prozesse  und
für  den  nächsien  Reichstag  die  Bildung  einer  Kommission  von
Theologen  und  Laien  verfügte,  die  durch  eine  „löbliche  christliche
  Vereinigung“  den  religiösen  Frieden  herzustellen  versuchen
sollte.

Immerhin  waren  die  Protestanten  zunächst  vor  Gewalt
gesichert.  Und  nun  that  auch  Joachim  II.  endlich  einen  Schritt
vorwärts.  Ergaben  sich  doch  aus  der  Unklarheit  der  kirchlichen
Verhältnisse  in  der  Mark  Ucebelstände,  die  auch  auf  andere  Gebiete
  störend  einwirkten.  Nicht  bloß,  daß  „Kirche  und  Sakrament
  dahinfallen  und  die  Kirche  zum  Desolat“  werde,  stand
nach  Joachims  Worten  zu  befürchten:  für  eine  ganze  Reihe
von  siaatlichen  und  gesellschaftlichen  Instituten  war  die  bis—
herige  Grundlage  in  Wegfall  gekommen.  Noch  war  an  die
Stelle  der  geschwundenen  kirchlichen  Autorität  keine  neue  getreten
  als  Hüterin  von  Sitte  und  Zucht,  von  Ehe  und  Familie.
  Wo  die  Bevölkerung  ehemals  bei  Bischöfen  und  Pfarrern
  nicht  bloß  Rat,  sondern  auch  Recht  gesucht  hatte,  da
wandte  sie  sich  nun  an  die  weltlichen  Behörden.  Der  Kurfürst
und  seine  Beamten  wurden,  wie  es  heißt,  „vielfach  angelaufen“
und  „um  Nichtung  angegangen  wegen  allerlei  Sachen,  Zrrungen
und  Mängel,  welche  der  Kirchenordnung  und  Religion  anhängig,
  auch  Ehesachen,  der  Geistlichen  Testamente,  öffentliche
Laster,  Inquisition  und  andere  gleichmäßige  Händel,  die  vorhin
  vor  die  geistlichen  Gerichte  gewiesen".  Die  Auflösung  der

Prutz,  Preußische  Geschichte  I.  11