Die erste Session 1878. 61
Das Attentat Hödels.
Als derart über die Tabafsteuerenquete entschieden wurde, war
schon einige Tage vorher, am 11. Mai, das Attentat. Hödels
Unter den Linden auf Kaiser Wilhelm I. erfolgt. Hödel, ein sozialdemokratischer
Klempnergeselle, war ein moralisch gänzlich verkommener
Mensch, der sich in sozialdemokratischen Kreisen Leipzigs
bewegt hatte, von der Partei förmlich ausgestoßen worden war,
sich alsdann dem christlich-sozialen Verein Stöckers in Berlin zugewandt
hatte (dessen eingeschriebenes Mitglied er wurde) und
offenbar aus wahnfinniger Großmannssucht zu der That gelangt
war. Für irgend welche Mitschuldigen hat die Untersuchung
keinerlei Anhalt ergeben. Ich selbst stand im Reichstag zufällig
in der Nähe von Sozialdemokraten, als die erste Nachricht über
das Attentat in den Sitzungssaal gelangte und war Zeuge des
Schreckens, welcher sich auf sozialdemokratischer Seite sofort über
die möglichen Folgen dieses Attentates von seiten einer als
Sozialisten bezeichneten Persönlichkeit kundgab.
Porlegung eines Sozialistengesebzes.
Fürst Bismarck befand sich zur Zeit des Attentats in Varzin.
Er gab von dort sofort Ordre, ein Gesetz gegen die Sozialisten
auszuarbeiten. Dasselbe passierte so rasch den Bundesrat, daß es
schon am 20. Mai dem Reichstage vorgelegt werden konnte. Der
Gesetzentwurf gab dem Bundesrat Vollmacht, Drucksachen und
Vereine, welche die Ziele der Sozialdemokratie verfolgen, zu verbieten,
vorbehaltlich der Aufhebung des Verbots durch den Reichstag
bei dem nächsten Zusammentritt. Vereine und Versammlungen,
welche solche Ziele verfolgten, sollten aufgelöst werden können.
Wer öffentlich in Verfolgung der sozialdemokratischen Ziele die
bestehende rechtliche oder sittliche Ordnung untergräbt, soll mit
Gefängnis nicht unter drei Monaten bestraft werden.
Der nationalliberale Abg. Stephani bemerkt in seinem
Tagebuch zu dem Inhalt dieses Gesetzentwurfes: „Die Vorlage ist
angeblich gegen die Sozialdemokraten, in Wahrheit gegen die
Nationalliberalen gerichtet.“ — Unter den Nationalliberalen
herrschte auch sonst die Empfindung vor, als sollte die Partei bei
dieser Gelegenheit nach einem damals vielgebrauchten Wort „an
die Wand gedrückt werden.“ Abg. Hölder schrieb in sein
Tagebuch, daß solche reaktionären Gesetze, welche gegen die Sozialdemokratie
erlassen werden, schließlich gegen jede oppositionelle