260 56. Die Polenfrage.
und diese Empfindungen auf das gewissenhafteste respektieren. Nach einseitigen
konfessionellen Gesichtspunkten werde ich Ihnen
die Politik dieses Landes niemals zurechtschneiden. Ich
werde Ihnen ebensowenig eine protestantisch-konfessionelle oder eine katholischkonfessionelle
Politik machen, wie ich Ihnen eine liberale oder konservative
Parteipolitik machen kann und will. Für mich als Ministerpräsident
und Reichskanzler gibt es weder ein katholisches noch ein protestantisches,
weder ein liberales noch ein konservatives Preußen und Denutschland,
sondern vor meinen Augen steht nur die eine und unteilbare
Nation, unteilbar in materieller und unteilbar in
ideeller Beziehnng. Wenn es eine Lehre gibt, die für mich resultiert
aus der deutschen Geschichte der letzten vier Jahrhunderte, so ist es
die, daß jeder Versuch der einen Konfession, die andere — ich will nicht
sagen, zu vernichten, denn das ist überhaupt unmöglich und deshalb
von vornherein ausgeschlossen — aber auch nur zu unterdrücken, nie zu
einem praktischen und dauernden Resultat geführt, wohl aber jedesmal
Schaden dem gemeinfamen Vaterlande gebracht hat. Weder ist es den
Katholiken im 16. und 17. Jahrhundert gelungen, die nene Lehre zu
hemmen, noch haben spätere konfessionelle Streitigkeiten Nutzen gestiftet.
Nach Kampf und Streit und Ruinen kam es jedesmal darauf hinaus,
daß alles ungefähr beim Alten blieb und man sich ineinander fügen
mußte. Es mag sein, meine Herren, daß die Verschiedenheit der Konfessionen
in Deutschland dem inneren Leben der Kirche zum Segen gereicht
hat. Das will ich hier nicht entscheiden. Aber vom politischen Standpunkte
aus betrachtet, ist die Verschiedenheit der Konfessionen in Deutschland
in der Vergangenheit eine Quelle großer Leiden gewesen, und sie
erfordert noch heute — daran brancht mich weder der Herr Abgcordnete
v. Ja#dzewski, noch irgend ein anderer der polnischen Herren zu erinnern
— bei jedem leitenden dentschen Staatsmann eine vorsichtige und
behntsame Hand. Sich über prinzipielle Fragen prinzipiell zu verständigen
bis auf das Tüpfelchen über dem i, das ist eben überall schwierig und
in Deutschland doppelt schwierig aus Gründen, die mit den Stärken wie
mit den Schwächen des nationalen Charakters zusammenhängen. Aber
ich bin überzeugt, daß es in der Praxis möglich ist, weil es möglich sein
muß, bei voller Wahrung der natürlichen und verfassungsmäßigen Rechte
des Staates doch ein friedliches Nebeneinanderleben der Konfessionen
untereinander und der Konfessionen mit dem Staate zu erzielen, wenn
nur allseitig festgehalten wird an dem Geiste der Mäßigkeit, Billigkeit
und Duldung. Deutschland kann nur dann eine Weltmacht bleiben, wenn