Full text: Gesetz- und Verordnungsblatt für das Königreich Sachsen vom Jahre 1860. (26)

Nebersicht der polilischen Enlwichlung des Jahres 1879. 605 
Dreikaiser-Allianz oder richtiger das Dreikaiser-Einverständniß war 
offenbar virtuell in die Brüche gegangen, durch die Schuld Ruß- 
lands gelöst. Da ging Fürst Bismarck am 20. September selbst Zas 
nach Wien und vereinbarte dort mit dem Grafen Andrassy und üucsc 
unter Zustimmung des Kaisers Franz Joseph, der seine Jagdens#dniß 
unterbrochen und zu diesem Zwecke nach Wien gekommen war, einen 
näheren Zusammenschluß Deutschlands und Oesterreichs. Die That- 
sache der Vereinbarung und daß sie in einem Schriftstücke nieder- 
gelegt wurde, ist außer Zweifel. In welcher Form sie dagegen er- 
folgt sein mag, wie weit sie ging und welche Eventualitäten sie ius 
Auge faßte, darüber waltet noch das Geheimniß. Allem Anschein nach 
wurde darüber ein Protokoll abgefaßt, das die beiden Kanzler unter- 
zeichneten und das von den beiden Kaisern gleichfalls durch Unter- 
schrift genehmigt werden sollte. Der Kaiser Franz Joseph ertheilte 
dieselbe noch in Wien. Schwieriger war es, die des Kaisers Wil- 
helm zu erlangen, da sich eine Spitze der Vereinbarung jedenfalls 
gegen Rußland wenden mußte. Der deutsche Reichskanzler kehrte 
daher von Wien zuerst und ohne Verzug nach Berlin zurück, theilte 
das Geschehene dem preußischen Staatsministerium mit, erlangtke 
dessen Zustimmung und sandte dann seinen Stellvertreter, den 
Grafen Stolberg nach Baden-Baden zum Kaiser ab, wie man wissen 
wollte, mit einer umfassenden Denkschrift über die europäische Lage, 
die dahin schloß, daß er dem Kaiser, wenn derselbe seinen Schritt 
nicht billigen sollte, seine Entlassung anbot. Die Frage scheint dem 
Kaiser einen schweren Entschluß gekostet zu haben: schließlich jedoch 
errang das Staatsinteresse den Sieg über alle persönlichen Gesühle 
und er soll am 15. October seine Unterschrift ertheilt haben. So 
viel darf man als mehr oder weniger feststehend und zuverlässig 
annehmen. So wenig es aber auch über den eigentlichen Inhalt 
der Vereinbarung besagt, so begegnete doch die Thatsache schon eines 
näheren Zusammenschlusses Deutschlands und Oesterreich-Ungarns 
dem einmüthigsten Beifall und der enischiedensten Befriedigung der 
öffentlichen Meinung beider Staaten, Deutschlands und Oesterreichs, 
und zeigte dem Fürsten Bismarck, wie richtig sein Hammer auf den 
rechten Nagel gefallen war. Deutschland und Oesterreich sind durch 
alle Bedingungen ihrer Existenz und Geschichte auf einander an- 
gewiesen, sie sind, wenn jedes in seiner Bahn bleibt, natürliche 
Bundesgenossen. Das hatte Bismarck nicht nur erkannt, sondern 
auch niemals verkannt, selbst damals nicht, als er sich genöthigt