Full text : Fürst Bülows Reden. 1. Band 1897-1903. (1)

Mai  1902.  323

schon  daraus  hervor,  daß  vom  1.  Oktober  v.  Is.  bis  zum  1.  April  d.  Is.,
also  binnen  6  Monaten,  der  Ansiedelungskommission  nicht  weniger  als
rund  40  000  ha  zum  Kauf  angeboten  worden  sind.  Wenn  die  Ansiedelungskommission
  auch  selbstverständlich  nicht  jedes  Gut,  das  ihr
angeboten  wird,  kaufen  kann,  so  erscheint  es  doch  empfehlenswert,  daß
sie  diese  Konjunkturen  benutzt,  um  Güter,  soweit  sie  sich  für  Besiedelungszwecke
  oder  als  Domänen  eignen  und  nicht  zu  teuer  sind,  zu  kanfen.
Bei  einem  beschleunigten  Tempo  des  Güterankaufs,  der  an  und  für  sich
nicht  nur  aus  politischen,  sondern  auch  aus  wirtschaftlichen  Gründen
gegenwärtig  wünschenswert  erscheint  —  denn  bei  einem  so  starken  Angebot
werden  die  Preise  verhältnismäßig  wohlfeil  sein  —,  ist  es  aber  nicht
möglich,  daß  die  Parzellierung  und  die  Besiedelung  der  Güter  immer
gleichen  Schritt  mit  ihrem  Ankauf  hält.  Daß  das  nicht  möglich  ist,
liegt  in  der  Natur  der  Dinge.  Es  fehlt  zunächst  an  den  nötigen
technischen  Beamten,  um  gleichzeitig  eine  größere  Anzahl  Güter  aufzuteilen,
  zu  vermessen,  die  nötigen  Meliorationen,  Drainagen  u.  s.  w.  auszuführen
  und  die  erforderlichen  Gebände  zu  errichten.  Sodann  nimmt
die  Einrichtung  der  öffentlich  rechtlichen  Verhältnisse,  die  Regelung  der
Kirchen-,  Schul=  und  Gemeindeangelegenheiten  für  die  neu  gegründeten
Kolonien  immerhin  eine  gewisse  Zeit  in  Anspruch.  Vor  allem  aber  fehlt
es  an  der  erforderlichen  Anzahl,  an  dem  nötigen  Material  geeigneter
Ansiedler,  die  erst  allmählich  beschafft  werden  können.  Diese  Uebelstände
haben  sich  jetzt  schon  geltend  gemacht,  und  ihnen  mußte,  wie  Sie  wissen,
dadurch  begegnet  werden,  daß,  wenn  in  einem  Jahr  mehr  Güter  angekauft
wurden,  als  in  den  darauf  folgenden  Jahren  gleichzeitig  besiedelt  werden
konnten,  die  sogenannte  zwischenzeitliche  Verwaltung  mit  staatlich  eingesetzten
  Administratoren  eingeführt  wurde.  Diese  zwischenzeitliche  Verwaltung,
  welche  oft  mehrere  Jahre  dauerte,  ist  aber  ziemlich  kostspielig,
da  sie  meist  mehr  kostet,  als  die  Güter  bei  dem  leider  oft  verwahrlosten
Zustande,  in  dem  sie  angekauft  werden,  und  bei  den  ungünstigen  landwirtschaftlichen
  Konjunkturen  der  letzten  Jahre  einbrachten.  Deshalb  empfiehlt
  es  sich  nach  unserer  Ansicht,  solche  Güter,  mit  deren  Parzellicrung
nicht  sofort  vorgegangen  werden  kann,  als  Ganzes  zu  verpachten,  und
zwar  für  eine  nicht  allzu  kurze  Frist,  damit  die  Pächter  auch  auf  ihre
Kosten  kommen,  schon  weil  sich  sonst  schwerlich  Pächter  für  solche  Güter
finden  werden.  Nach  Ablauf  dieser  Pachtperiode  sollen  diese  Güter  in
der  bisherigen  Weise  parzelliert  und  mit  deutschen  Bauern  besetzt  werden.
Auf  diese  Weise  hoffen  wir,  die  kostspielige  zwischenzeitliche  Verwaltung

wesentlich  einzuschränken,  wenn  sie  auch  nicht  ganz  entbehrt  werden  kann,
21*