Volltext: Preußische Geschichte. Dritter Band. (3)

458 Sechstes Buch. Erniedrigung und Wiedergeburt. 
rechnete der Kaiser mit der Möglichkeit eines russischen Krieges 
und erwog die Waffnung der Türkei. Unter solchen Umständen 
drang Prinz Wilhelm vergeblich auf die Bestätigung der Kon- 
vention vom 9. März, indem er zugleich Preußens Teilnahme 
an dem Kriege gegen England in Aussicht stellte. Die Räu- 
mung Preußens kam für Napoleon jetzt vollends nicht in 
Frage, da er im Besitz der Oderlinie auch Oesterreich bedrohte, 
das die spanischen Vorgänge fieberhaft erregten. Seine Hal- 
tung gegen Preußen wurde feindseliger. In Bayonne überließ er 
die bisher sequestrierten 30 Millionen Thaler, die der preußische 
Staat und seine milden Stiftungen, wie Witwenkassen u. s. w., 
in dem Herzogtum Warschau ausstehen hatten, durch einen Ver- 
trag vom 10. Mai für 20 Millionen Franken dem König Fried- 
rich August von Sachsen. Um dieselbe Zeit wurde der dem 
Prinzen Wilhelm beigegebene Geheime Legationsrat Le Rour 
ausgewiesen, wohl wegen freimütiger Aeußerungen, die er münd- 
lich oder brieflich gethan hatte. In Brandenburg erhob Daru 
unerhörte Forderungen für ein Lager von 25000 Mann bei 
Berlin und erregte dadurch eine Erbitterung bei den Ständen, 
die Stein vergeblich zu beschwichtigen suchte. An der Kon- 
vention vom 9. März, die der Kaiser selbst zunächst als wohl 
annehmbar bezeichnet hatte, setzte man nun in Paris alles 
Mögliche aus. Rekriminationen und Drohungen wurden wieder 
üblich. Daß die märkischen Stände Darus Forderung ab- 
lehnten, galt für eine von der Regierung begünstigte Wider- 
setzlichkeit. Gehe das so fort, bekam Prinz Wilhelm zu hören, 
so müsse der Kaiser den Tilsiter Frieden als hinfällig ansehen. 
Von neuem drang die preußische Regierung in den Zaren, für 
die Bestätigung der Konvention einzutreten. Bei dem Gange 
der Dinge in Spanien, meinte sie, werde Napoleon alles ver- 
meiden, was sein Verhältnis zu Rußland trüben könnte. In 
Petersburg aber leugnete man das Vorhandensein einer Span- 
nung mit Frankreich: man möge in Königsberg ja nicht damit 
rechnen. Ja, der Zar schien im Falle des Krieges zwischen 
Oesterreich und Frankreich zu diesem stehen zu wollen. Bei 
seiner Zusammenkunft mit Napoleon, tröstete er, werde auch 
die preußische Frage geregelt werden, und empfahl wie früher