556 Viertes Kapitel.
nie das Gefühl eines andern verletzt, nie sich einer Härte schuldig ge—
macht. Er ist einer jener Menschen, deren gütiges Naturell die Herzen
gewinnt, der sich fort und fort mit dem Wohle seiner Umgebung und
seiner Unterthanen beschäftigt, geschmückt mit allen hohen Eigenschaften
eines Fürsten und mit allen Tugenden eines Menschen. Es ist unmög—
lich, sich einen schöneren und wohlthuenderen Typus eines Edelmannes
zu denken.“
Der Grundzug in dem Wesen Kaiser Wilhelms war seine tiefe Reli—
giosität. Eine schlichte, innige Frömmigkeit, von Hochmut wie von Un—
duldsamkeit gleich fern, erfüllte sein Herz; sie leitete ihn bei all seinem
Thun; sie richtete ihn auf in schweren Stunden. Mit Innigkeit hielt er
zu dem Bekenntnisse seiner Väter. „Wenn etwas“, sagte er bei dem
Jubelfeste des Dom-Kandidatenstifts (am 17. Juni 1879) zu diesen, „im
Leben und Treiben der jetzigen Welt Halt geben kann, so ist es der
alleinige Grund, welcher in Jesu Christo gelegt ist. Sie wissen, daß ich
aus voller und freier Uberzeugung der positiven Union angehöre, welche
mein seliger Dater gestiftet hat. Der Grund und Fels, an dem ich und
wir alle aushalten müssen, ist der unverfälschte Glaube, wie ihn die Bibel
uns lehrt.“ Damit erhob der Kaiser wie zur Bestätigung die Band.
Dann fuhr er fort: „Möge Ihnen allen der heutige Tag dazu gesegnet
sein, die Erkenntnis Gottes und seines eingeborenen Sohnes Jesu Christi
als die einzige Quelle wahren Beiles in ihnen zu fördern. Es kann ja
ein jeder handeln, wie sein Gewissen ihm sagt, aber alle müssen doch
aufbauen auf dem einen Grund der Bibel und des Evangeliums.“
Aus diesem Glauben stammte das unbedingte Gottvertrauen, das
sein ganzes Wesen durchdrang. Er fühlte sich ganz als ein Werkzeug
Gottes. Darum empfand er seine großen Erfolge als Randlungen
Gottes, der in allem ihn leitete. „Welch eine Mendung durch Gottes
Führung!“ schloß er in diesem Empfinden die Siegesdepesche von Sedan
an die Königin Augusta. Und den Bürgermeistern der ihn begrüßenden
Residenzstädte erwiderte er am 20. März 1871: „Es war der Wille der
Vorsehung, daß diese großen Thaten durch uns sollten vollbracht werden.
Wir waren aber nur die Werkzeuge in des Allmächtigen Hand.“ Darum
war Kaiser Wilhelm stets weit davon entfernt, die Shre seiner Groß-=thaten
sich anzurechnen: Gott vor allem galt sein Dank. „Mein Blick“,
erwiderte er den am Neujahrstage ihm Glück wünschenden Generalen,
„kann sich nicht in die Dergangenheit richten, ohne mein tiefbewegtes
Herz von Dank für die Gnade des allmächtigen Gottes überströmen zu
lassen, die wahrlich Großes an mir gethan hat.“ Und nächst Gott be-