Full text : Das Deutsche Reich zur Zeit Bismarcks.

160  I,  10.  Der  innere  Ausbau  des  Reiches.  Vollowirtschaftl.  Entwickelung  u.  Gesegebung.

reich  allein  (d.  h.  in  österreichisch-ungarischen  Gründungen  und  Wertpapieren)  etwa
6  Milliarden  Mark.  Leider  ging  auch  dabei  schon  sehr  viel  deutsches  Geld  verloren,
denn  der  Gründungsrausch  trug,  wie  gezeigt  wurde,  einen  internationalen  Charakter,
ergriff  alle  Völker  gleichzeitig,  lockte  Millionen  von  Ersparnissen  über  die  staatlichen
Grenzen  hinüber  und  herüber.  Und  auch  der  große  Krach  war  international  und  spottete
  aller  Landes=  und  Völkergrenzen.  Merkwürdigerweise  wurde  Deutschland,  obwohl
es  noch  stärker  in  Gründungen  gefrevelt  hatte  als  Osterreich-Ungarn,  in  diesen  Zusammenbruch
  der  Schwindelperiode  erst  später  mitgerissen.  Zunächst  nämlich  brach  der
Wiener  Krach  mit  doppelter  Wucht  in  den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  aus.
Deutschland  wehrte  sich  mit  einer  Zähigkeit  gegen  den  Sturm,  welche  für  eine  baldige
Genesung  aus  eigener  innerer  Kraft  doch  gute  Hoffnungen  gab  und  bereits  den  Segen
der  eben  durchgeführten  deutschen  Münzresorm  erkennen  ließ,  während  in  Osterreich
die  Katastrophe  unter  dem  gesetzlichen  Zwangskurs  der  Banknoten  ohnehin  wesentlich
verhängnisvoller  austreten  mußte.  Aber  als  Ansang  Oktober  1873  die  Ouistorpsche
Vereinsbank  in  Berlin  zusammenstürzte,  welche  allein  27  andere  Banken  in  sich  schloß
(von  denen  auch  nur  noch  14  einige  Lebensfähigkeit  besaßen),  da  schlug  auch  für
Deutschland  die  schwere  Stunde  des  Verhängnisses.  Zwei  Monate  lang  krachte  es
nun  unanshörlich  fort.  Eisenbahnen,  Banken,  Baugesellschaften,  große  Fabriken,  Genossenschaften
  mit  unbeschränkter  Hastpflicht  wie  Aktiengesellschaften  wurden  in  das
Verderben  hineingerissen,  zugleich  zahllose  unglückliche  Privatleute,  welche  nun  mit
Schrecken  erkannten,  daß  sie  ihre  Vermögen  oder  Ersparnisse  für  nichts  hingegeben
hatten,  oder  welche  als  Mitglieder  einer  verkrachten  „Genossenschaft  mit  unbeschränkter
Hastpflicht“  ihr  ganzes  Vermögen  jetzt  einsetzen  mußten.  Aber  nicht  bloß  in  Berlin
krachte  es  monatelang.  Breslau,  Königsberg,  Posen,  Memel,  Görlitz,  Glogan,  Magdeburg,
  Grünberg,  Essen,  Köln,  Mühlhausen  (Thüringen),  Erfurt,  Dresden,  Chemnitz,
Pirna,  Leipzig,  München  folgten:  um  nur  die  Hauptorte  zu  nennen.  Die  Vankbrüche
  an  diesen  größeren  Plätzen  zogen  das  ganze  Hinterland  in  Mitleidenschaft,  zeigten
  bis  in  das  Elsaß  hinein  ihre  verheerenden  Wirkungen.  Nie  hatte  eine  Handelekrise
mehr  Selbstmorde  und  Verurteilungen  untreuer  Bankbeamter  zur  Folge.  Auch  das
war  natürlich,  denn  nie  zuvor  war  mit  solcher  Leidenschaft  um  Millionen  gespielt
worden,  wie  in  den  dem  Krach  vorausgehenden  Jahren,  und  die  Leidenschaft  steiger
Kopflosigkeit  und  Verbrechen.  Und  doch  waren  die  Kassierer,  Buchhalter  r2c.,  welche
sich  an  dem  Geldschrank  ihrer  Banken  vergriffen,  im  Vergleich  zu  den  Gründern
mur  die  kleinen  Diebe,  welche  gehangen  wurden,  während  der  Betrugsparagraph  des
Reichsstrafgesetzbuches  nur  von  sehr  wenigen  deutschen  Gerichten  aus  jene  Großen  angewendet
  wurde.  Der  fortschrittliche  Berliner  Nechtsanwalt  Julian  Goldschmidt  schrieb,
als  dieses  Verhängnis  einigen  Gründern  dennoch  drohte,  mit  großem  Aufwand  von
Gelehrsamkeit  ein  Werk,  in  welchem  er  nachzuweisen  suchte,  daß  nach  bestehendem
Straf=  und  Handelsrecht  alle  Gründer  ehrliche  Leute  seien,  und  daß  diejenigen  Gerichte
  sich  ein  wissenschaftliches  Armutszeugnis  ausstellten,  welche  diese  Chrenlegion
einer  Unthat  fähig  hielten.  Dieser  Art  von  Veredsamkeit  und  Gesetzesauslegung  hatte
Lasker  schon  am  7.  Februar  1873  einen  Niegel  vorzuschieben  gesucht,  indem  er  eine