Full text: Handbuch der Politik. Zweiter Band. (2)

18 Friedrich Zahn, Das Deutsche Volk. 
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lem istder gangderallgemeinen SterbeziffermitbedingtdurchdieVerminderung 
der Säuglingssterblichkeit (vergl. Tabelle S. 179 unten), und diese ist ihrerseits zu- 
rückzuführen auf. die Hebung der allgemeinen Hygiene, die gesteigerte Sauberkeit, das häufigere 
Stillen an der Mutterbrust und auf eine Reihe staatlicher und gemeindlicher Massnahmen — 
Mutterschutz, Geburts- und Wochenbetthygiene, Förderung des Stillgeschäfts durch Beratungen, 
Stillprämien ete., Milchküchen, Säuglingspflege- und Krankenanstalten, Kostkinderaufsicht, 
Einrichtung von Beratungsstellen etc. Die Säuglingssterblichkeit hat hierdurch ihre früheren 
Schrecken schon wesentlich verloren; ihr Rückgang kommt ebenfalls unserer volklichen, ethischen 
und wirtschaftlichen Kraft zustatten, bedeutet doch jedes dem Tod entrissene, an sich lebens- 
fähige Kind die Erhaltung eines guten Stückes Nationalkapital von ideellem und materiellem Wert. 
Ohne Zweifel kann noch viel geschehen, um die derzeitige Sterbeziffer weiter herabzu- 
drücken. Namentlich sind von dem jetzt allenthalben aufgenommenen Kampf gegen die 
Säuglingssterblichkeit und gegen die hauptsächlichsten Volkskrankheiten (Tuberkulose, Alkoholis- 
mus, Geschlechtskrankheiten, Krebs usw.) sowie von der Förderung der Hygiene in der Stadt 
und auf dem Land noch beträchtliche Erfolge für das natürliche Wachstum unserer Bevölkerung 
zu erwarten. 
Freilich ist die Sterbeziffer für sich allein kein verlässiger Massstab für die konstitutionelle 
Gesundheit und körperliche Tüchtigkeit der Bevölkerung. Eine Bevölkerung kann, worauf Max von 
Gruber mit Recht aufmerksam macht, infolge Beseitigung einer äusseren Todesgefahr langlebiger 
werden und trotzdem schwächlich, kränklich, zur Fortpflanzung untauglich werden, ja sogar ihre Be- 
schaffenheit verschlechtern. Indessen besteht nach den sachkundigen Untersuchungen der General- 
stabsärzte von Schjerning und von Vogl einstweilen kein Anlass zur Annahme eines Niedergangs 
des physischen Werts der deutschen (wehrpflichtigen) Jugend oder gar eines Rückstands gegenüber 
anderen Nationen. Immerhin mögen Symptome, die darauf schliessen lassen, dass es mit der 
Gesundheit der städtischen und industriellen Bevölkerung trotz ihrer grösseren Langlebigkeit nicht 
völlig befriedigend bestellt ist, im Aussterben von Familien erblickt werden. Vielfach handelt es 
sich um Familien der oberen Gesellschaftsschichten mit älterer Kultur und höherer Bildung. Inso- 
fern hierdurch wichtige vererbbare Werte von Wissen und Können dem Volke verloren gehen, lässt 
sich in gewisser Beziehung von einem Degenerationsvorgang sprechen, der zugleich bewirkt, dass 
der durchschnittliche Pegelstand des Volkes sich nicht in einer an sich möglichen Weise hebt, 
sondern infolge des Wegsterbens der genannten Familien immer wieder herabgedrückt wird. 
Das natürliche Wachstum des Volkes, wie es in der Differenz zwischen Geburten und Sterbe- 
fällen, also im Geburtenüberschuss — 1912 in Höhe von 839 887 oder 12,7 %,, (1911: 
739 945 oder 11,3 0;,,) — sich äussert, lässt unser Volkstum jedenfalls noch derzeit als sehr 
jugendkräftig und weit entfernt von einer Greisenhaftigkeit erscheinen. Auch im Lichte der 
internationalen Statistik stellt sich die natürliche Bevölkerungsbewegung in Deutschland durch- 
aus befriedigend dar. Sie hat bei starker Geburtenhäufigkeit und mittlerer Sterblichkeit den 
Vorzug eines relativ regelmässigen und doch raschen Fortschritts. Sie unterscheidet sich 
dadurch namentlich von Frankreich, das im Jahre 1910 nur einen Geburtenüberschuss von 
70581 oder 1,8% (774 358 Geburten, 703 777 Sterbefälle), im Jahre 1911 nicht nur keinen 
Geburtenüberschuss (742 114 Geburten, 776983 Todesfälle), sondern sogar ein Geburtendefizit 
von 34869 hatte. In Russland wird trotz höherer Fruchtbarkeit nur ein klein wenig grösserer 
Nettoertrag erzielt als in Deutschland; es betrug im Jahre 1911 dort die Geburtenziffer 42,0, 
die Sterbeziffer 25,3, der Geburtenüberschuss 16,6 0,9. Auch gegenüber den Vereinigten 
Staaten von Amerika schneidet Deutschland besser ab. Dort beruht die Zunahme in erster 
Linie auf starkem Negerzuwachs und auf.Einwanderung von gegen früher — was Besitz, 
Bildung, Gesundbheitswert, Unterstützungsbedürftigkeit anlangt — erheblich verschlechterten 
Elementen, sie ist bei dem Rückgang der weissen Geburten mit einer bedenklichen tief- 
greifenden Umgestaltung der rassenmässigen Zusammensetzung der Bevölkerung verbunden. 
Im Gegensatz zu Frankreich und den Vereinigten Staaten ist in Deutschland von einer 
Stockungdernatürlichen Bevölkerungszunahme, dieeine patriotisch-politische Angst vor Erschöpfung 
der bevölkerungserhaltenden Volkskraft rechtfertigt, geschweige von Rassenselbstmord keine Rede.
	        
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