Full text: Handbuch der Politik. Zweiter Band. (2)

Friedrich Zahn, Das Deutsche Volk. 183 
durch Entlassung oder zehnjährigen Aufenthalt im Auslande oder durch Verheiratung mit einem 
Ausländer oder aus and ren Gründen verloren haben, die aber trotz dieser Änderung ihres formal- 
rechtlichen Charakters tatsächlich vorzügliche Elemente des Deutschtums im Auslande sind. 
Bei der Reichserhebung vom Jahr 1900 wurde für 708 071 Personen im Auslande die Reichsange- 
hörigkeit nachgewiesen. 
Brauchbarerista's AnhaltfürunserAuslandsdeutschtumder Geburtsort, denmannichtablegen, 
abstreifen, den man höchstens verleugnen kann. Freilich sind auch diese Nachweise der Personen, 
die das Ausland als ausdem Deutschen Reich Gebürtige verzeichnet, nicht einwandfrei. Sie skizzieren 
das Deutschtum nur für eine Generation, unterliegen dem Einfluss von Zufälligkeiten des Ge- 
burtsorts, umschliessen auch Angehörige fremden Volkstums, sind nur für verhältnismässig wenig 
Länder vorhanden und untereinander nicht gleichwertig. Wenn die amtliche Reichserhebung 
1900 etwas über 3 Millionen (3 094 692) deutsche Reichsgebürtige im Auslande und von den obigen 
708071 Reichsangehörigen 457 702 nicht Reichsgebürtige aber Reichsangehörige feststellt, so 
repräsent’eren diese rund 31, Millionen Reichsgebürtige oder Reichsangehörige im Auslande eine 
Minimalzahl für die Verbreitung der Deutschen im Auslande. (Näheres darüber in meinem oben 
zitierten Vortrag beim Kolonialkongress 1905.) 
Der Begriff Volkstum oder Nationalität geht eben viel weiter als der von Gebürtigkeit oder 
Staatsangehörigkeit. Er umfasst die Gesamtheit von Menschen gemeinsamer Abstammung, die 
ein und dieselbe Sprache sprechen, eine gemeinsame politische und kulturelle Entwicklung durch- 
gemacht haben und das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit besitzen. 
Namentlich die Sprache ist es, in der sich das Gepräge einer Nation äussert. Sie ist das 
Werkzeug des Denkens, an ihr haftet die Kultur mehr als am Boden, an Regierungsformen, 
Bauten etc., ihr folgt der Handel lieber als der Flagge. 
Mangels genauer Feststellung der Sprachenverhältnisse in den einzelnen Ländern muss man 
sich freilich mit Schätzungen begnügen über das Auslandsdeutschtum, das — ohne Unterschied 
der Staatsangehörigkeit — deutsch spricht und deutsch fühlt, das sich der innern Gemeinschaft 
mit dem deutschen Muttervolk bewusst ist und dies durch Festhalten ihrer deutschen Muttersprache 
bekundet. Nach Robert Höniger ist die Zahl derer, die ausserhalb des Deutschen Reichs Deutsch 
als ihre Muttersprache sprechen, auf etwa 32 Millionen zu veranschlagen. Sie lassen sich in 3 Gruppen 
des Auslandsdeutschtums gliedern: 
1. Etwa 13 Millionen Deutschösterreichs, der deutschen Schweiz und Luxemburgs, die, an 
das Deutsche Reich unmittelbar angrenzend, mit diesem das geschlossene deutsche 
Sprach- und Siedlungsgebiet Mitteleuropas bilden. 
2. Die deutsche Diaspora im übrigen Europa, etwas über 51% Millionen: 
davon 21, Millionen in Ungarn, denen man im Hinblick auf die geographische Lage und unter Be- 
rücksichtigung unserer Interessen im nahen Orient die Deutschen der Balkanstaaten mit etwa 
100 000 Seelen anreihen darf, weitere 2 Mill. in Russland, endlich nahe an 1 Mill. zu einem er- 
heblichen Teil nicht bodenständiger Deutscher in den sonstigen Staaten unseres Erdteils. 
3. Die Deutschen in Übersee, etwas über 131, Millionen. Davon treffen 
ca. 12 Millionen auf die Vereinigten Staaten von Amerika. 
An sich müsste die Zahl der Deutschen in der Union an 25 Millionen betragen, hat sich doch der 
weitaus grösste Teil der deutschen Auswanderer Jahrzehnte hindurch nach Nordamerika gewendet. 
Aber Nordamerika wurde wie kein anderes Gebiet „ein Massengrab deutschen Volkstums.“ Ein 
gewaltiger Bruchteil der Nachkommen der deutschen Auswanderer dorthin hat die angestammte 
Sprache und Art nicht behauptet. Es mangelte den deutschen Einwanderern zu sehr politischer 
Ehrgeiz und nationales Selbstgefühl, sie begegneten allzuoft einer niederdrückenden Geringschätzung 
ihres heimischen Wesens. Drum vollzog sich nicht selten schon für die erste Geschlechtsfolge die 
Verschmelzung mit dem rasseverwandten Angelsachsentum. Die ehemalige Zwiespaltigkeit und 
Ohnmacht des Mutterlandes wirkte schädigend auch auf das Deutschtum im Ausland. 
Dies rächte sich am Mutterland selbst, das die Rolle einer woblfeilen Kinder- und
	        
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