Josef Grunzel, Die Industrie. 395
unbestritten die ersteder Welt. Die vergleichenden Zahlen über Arbeiter und Motorkräfte gestatten
hier keinen sicheren Rückschluss auf den Aufschwung, weil die chemische Industrie mehr als jede
andere die mechanische Arbeit entbehrlich macht und umso grössere Ansprüche an diegeistige Arbeit
stellt. In der chemischen Industrie kommt I Beamter auf 6 bis 7 Arbeiter, in der Spinnerei dagegen
auf 15 bis 18 Arbeiter. Die chemische Grossindustrie ist ein Kind der neuesten Zeit, denn auch für
sie war wie für die Maschinenindustrie eine allgemeine industrielle Entwicklung die unbedingte
Voraussetzung. Heute liefert Deutschland mehr als ein Viertel der gesamten Produktion von Schwe-
felsäure in der Welt, denn es erzeugte im Jahre 1910 aus Erzen allein 1,5 Mill. Tonnen im Werte von
41,5 Mill. Mark. An Kalisalzen wurden im Jahre 1910 8.2 Mill. Tonnen im Werte von 91,2 Mill. Mark
gewonnen, welche zum grössten Teil der deutschen Landwirtschaft als Düngemittel zugeführt, zum
Teil durch Umlösen weiter verarbeitet werden. Unter Berücksichtigung des eingeführten Chile-
salpeters, der bei der Entphosphorung des Eisens sich ergebenden Thomasschlacke, sowie anderer
Phosphate hat man berechnet, dass die deutsche Landwirtschaft für etwa 250 Mill. Mark künst-
licher Düngemittel von der Industrie bezieht. In der Farbstofferzeugung wurde die einst mass-
gebende englische und französische Industrie von der deutschen überholt. Die Krappkulturen Frank-
reichs wurden von dem künstlichen Alizarin verdrängt und während der ostindische Indigo im
17. Jahrhunderte die Waidkulturen in Deutschland vernichtete, bedrängt jetzt der synthetische
Indigo die Indigopflanzungen Britischindiens. In den künstlichen organischen Farbstoffen hat sich
aber Deutschland auf die erste Stufe geschwungen und exportierte im Jahre 1911 für 250,8 Mill.
Mark Farben und Farbwaren, wovon etwa 46 %, auf Anilin und andere Teerfarbstoffe und 17%
auf synthetischen Indigo entfallen.
Eine besondere Erwähnung verdient die Hausindustrie, welche durch den Anprall der mo-
dernen Fabriksindustrie eine durchgreifende Veränderung erfuhr, aber nicht immer in dem erwar-
teten Sinne. Die alten traditionellen Hausindustrien, denen in bestimmten Gegenden besonders
gutes Rohmaterial (Holz, Flachs, Eisen, Ton) und die ererbte Arbeitsgeschicklichkeit der Bewohner
zugute kam und die namentlich der landwirtshaftlichen Bevölkerung während der langen Winter-
monate lohnende Nebenbeschäftigung boten, schienen nicht lebensfähig zu sein. Die städtischen
Verlagsindustrien, unter denen namenlich die Kleider- und Wäschekonfektion riesenhaft empor-
wuchs, schienen dagegen wegen übermässiger Ausnutzung der Arbeitskraft und steter Lohndrückerei
vom sozialpolitischen Gesichtspunkte aus nicht unbedenklich zu sein, zumal sie sich der modernen
Arbeiterschutzgesetzgebung mit Erfolg entziehen konnten. In den meisten Ländern hat sich die
öffentliche Fürsorge dahin gerichtet, die lokal-traditionellen Hausindustrien durch Belehrung in
technischer und kaufmännischer Beziehung, durch materielle Unterstützung und durch Propaganda
für die hausindustriellen Erzeugnisse vor dem Niedergange zu retten, doch erreichte man gewöhnlich
nichts anderes als eine Perpetuierung der alten Hungerlöhne. In Deutschland hat aber der allgemeine
Aufschwung der Hausindustrie mehr genützt als ihr kleingewerbliche Förderung oder sozialpolitische
Fürsorge jemals nützen könnte. Freilich, jene Zweige konnten sich auch nicht halten, in denen die
Fabriksindustrie bessere Produktionsmittel besass, aber gegen solche wirtschaftliche Umwälzungen
ist auch jede Gesetzgebung und Verwaltung ohnmächtig. So hat die Handweberei dem mechanischen
Webstuhl weichen müssen, so konnte sich die Kleineisenindustrie, die Waffen- und Messerwaren-
erzeugung in Solingen, die Werkzeugindustrie in Remscheid und Hagen i. W., die Nadelerzeugung
in Iserlohn, die Nagelerzeugung in Schmalkalden, gegen die Fabrik nicht halten, weil die Handarbeit
zweckmässigerweise durch Maschinenarbeit ersetzt wurde; so ist auch die einst blühende Uhrenin-
dustrie im Schwarzwald bis auf wenige Reste im Grossbetrieb aufgegangen. Die städtische Verlags-
industrie aber lernte von der Fabriksindustrie die Organisation der Arbeiter-Interessen und erreichte
damit mehr, als ihr staatliche Fürsorge hätte jemals verschaffen können. Diejenigen Zweige der
Hausindustrie, in denen der maschinelle Betrieb nicht möglich war, profitierten aber von den regen
Handelsbeziehungen, welche sich die Grossindustrie geschaffen hatte und arbeiteten besonders für
den Export. Die Sonneberger Spielwarenindustrie 2. B. bringt etwa 80 % ihrer Gesamterzeugung
über die Grenzen des Reiches; die Ausfuhr Deutschlands in Spielwaren ist von 38,8 Mill. Mark im Jahre
1898 bis auf 90,1 Mill. im Jahre 1911 gestiegen. Auf diese Weise lassen sich die scheinbar wider-