400 Josef Grunzel, Die Industrie.
gezogen, weil er den Ausfall in einem Artikel nicht durch besseren Absatz in einem anderen aus-
gleichen konnte. Dann war eine Überproduktion eher zu befürchten und schwerer zu bekämpfen.
Deshalb musste auch zu dieser Arbeitsteilung eine Arbeitsvereinigung gefunden werden, und zwar
vollzog sich diese in der Konzentration und Kartellierung.
Wir bemerken vor allem eine örtliche Konzentration, indem sich die Industriebetriebe mit
Vorliebe in gewissen Zentren gruppieren. Für die Wahl solcher Zentren sind verschiedene und mit
der Zeit oft wechselnde Umstände massgebend. In früheren Zeiten entschied besonders oft das
Vorkommen des Rohstoffes über die Wahl des Produktionsortes. So nahm die Zuckerindustrie von
der Provinz Sachsen ihren Ausgangspunkt, wo die Kultur der Zuckerrüben gut gedieh. So hat die
Eisenindustrie noch heute ihren Hauptsitz in Rheinland-Westfalen. Die Textilindustrie, die sich
früher meist an die Schafzucht und den Flachsbau anlehnte, hat sich von dieser Gebundenheit an
den Boden vollständie befreit und sucht Ortemit billigen Arbeitskräften. Die Billigkeit der Arbeitskräfte
war ferner entscheidend für die Ansiedlung der Konfektionsindustrie in den grossen Städten, weil
dort zahlreiche Frauen und Mädchen im Berufe der Männer, Väter und Brüder nicht mithelfen
können und gern durch häusliche Industriearbeit zu den Kosten des gemeinsamen Haushaltes bei-
tragen. Bei der Notwendigkeit der Zufuhr voluminöser Rohstoffe sucht die Industrie die billigsten
Verkehrswege auf. So konzentriert sich die chemische Industrie am Untermain und Mittelrhein
(Höchst, Frankfurt, L dwigshafen), so wird die Verarbeitung der aus überseeischen Gebieten kom-
menden Robstoffe, wie Tabak, Jute, Kakao, Käute usw. mit Vorliebe in der Nähe der grossen Hafen-
plätze Hamburg, Bremen usw. vorgenommen, damit eine starke Vorbelastung des Rohmaterials
durch die teurere Eisenbahnfracht vermieden wird. Die Nähe des Absatzes wird gesucht von In-
dustriezweigen, welche leicht verderbliche oder aus anderen Gründen schwer transportierbare
Produkte herstellen. So schliessen sich an die grossen Städte Brauereien, Ziegeleien, Möbelfabriken
an, so nähert sich die Maschinenindustrie jenen Industriegegenden, für welche sie arbeitet.
Viel wichtiger ist aber die organisatorische Konzentration durch eine mehr oder minder voll-
ständige Verschmelzung selbständiger Betriebe zu einer einheitlichen Unternehmung. Auf diese
Weise wird manche Kostenersparnis, namentlich in der allgemeinen Verwaltung und im Waren-
vertrieb, sowie ein Riskenausgleich zwischen den spezialisierten Betrieben erzielt. Die Form dieser
Konzentration kann sehr verschieden sein, sie kann sich steigern von einer rein persönlichen Fühlung-
nahme der Leiter verschiedener Unternehmungen zu einem gegenseitigen Austausch von Aktien,
der den Einfluss sicherstellt, zu einem Vertrage, in welchem die Interessengemeinschaft festgestellt
und geregelt wird, und schliesslich zu einem völligen Aufgehen in einer neuen, einheitlichen Unter-
nehmung. Dabei kann es sich um gleichartige Betriebe handeln, welche dieselben Waren erzeugen.
Dahin gehören die beiden Interessengemeinschaften, welche im Jahre 1904 in der chemischen In-
dustrie zustande kamen, auf der einen Seite die Gruppe der Höchster Farbwerke und der Firma
Leopold Cassella & Co. in Frankfurt a. M., der sich später noch die Firma Kelle & Co. in Biebrich
a. Rh. anschloss, auf der anderen Seite die Gruppe der Badischen Anilin- und Sodafabrik zu Lud-
wigshafen und der Farbwerke vorm. Friedr. Bayer & Co. in Elberfeld, die sich durch den Beitritt
der Gesellschaft für Anilin-Fabrikation in Treptow bei Berlin erweiterte. Im Kohlensyndikat
haben oft grosse Zechen kleinere in sich aufgenommen, um auf diesem Wege eine Erhöhung ihrer
Beteiligungsziffer an der Gesamtproduktion des Syndikates zu erreichen. Im Herbst 1904 schlossen
drei Kohlenwerke, die Gelsenkirchner Bergwerks-Gesellschaft, der Aachener Hüttenaktienvereın
Rote Erde und der Schalker Gruben- und I,üttenverein eine Interessengemeinschaft, nachdem jede
einige selbständige kleinere Zechen in sich aufgenommen hatte, so dass die Interessengemeinschaft
an die Stelle von 19 ursprünglich selbständigen Unternehmungen trat. Die drei in der elektrotech-
nischen Industrie bestehenden Konzerne sind durch fortgesetzte Fusionen entstanden. Es können
sich aber auch verschiedenartige, und zwar im Produktionsprozess auf einander folgende Betriebe
zu einer sogenannten Kombination vereinigen, wie sie in den amerikanischen Trusts und in der
Krupp’schen Unternehmung besonders deutlich vorliegt. Dahin gehören aber auch die zahlreichen
gemischten Betriebe, so inder Baumwollindustrie die Vereinigungen von Spinnereien und Webereien,
in der Montanindustrie die Hüttenzechen, nämlich Eisenbütten, welche sich Kohlenzechen an-
gliedern, die gemischten Werke im Gegensatz zu den reinen Walzwerken usw.