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Schon den ersten Tag nach dem Übergang sah ich Generale und Stabs—
offiziere aller Nationen und Waffengattungen, tief in ihre Pelze gehüllt, zu Fuß
mitmarschieren.
So erkannte ich unter ihnen den württembergischen General von Kerner, in
Kommißschuhen und in einen Pelz gehüllt, und den Obersten von Schmidt sogar
ohne ordentliche Fußbekleidung, die Füße mit Stücken von Pelz umwickelt, zu
Fuße gehend.
Bis auf die Garden waren nun alle Armeekorps gänzlich aufgelöst, bis auf
die kleinen Reste der Korps von Oudinot und Victor, die jenseits der Beresina
bei ihren dreitägigen heldenmütigen Kämpfen gegen drei feindliche Armeen der
Vertilgung noch entgangen waren und das diesseitige Ufer erreicht hatten. Offi—
ziere und Soldaten, letztere meist ohne Waffen, zogen in düsterem Schweigen, oft
in den abenteuerlichsten Anzügen, untereinander vermischt einher; denn die Kälte
nahm täglich einige Grad zu, und jeder behängte sich über seine zumeist zer-
lumpte Uniform mit dem, was gegen die Kälte schützen konnte.
Ein jeder hielt sich nun zu dem Truppenteile, bei dem er die meiste Sicherheit
zu finden hoffte, oder zu dem ihn eigentlich der Zufall führte.
- Die Brücken waren niedergeschossen, und was jenseits noch lebte, in den
Händen unbarmherziger Feinde. Dies war eigentlich unser Glück, denn die Russen
hatten augenblicklich kein Material, die Brücken wieder herzustellen, und wahr—
scheinlich auch keine Pontons bei der Hand. Dadurch hörte die Verfolgung einige
Tage auf, und wir gewannen einen bedeutenden Vorsprung.
Doch noch schlimmer und unbarmherziger als der Feind war die nun sich
immer steigernde Kälte, die den 4. Dezember einen so hohen Grad erreichte, daß
sie mit dem fürchterlichen Gefolge des Hungers die letzten Trümmer des Heeres
zu vernichten drohte.
Selten war man so glücklich, sich mit Fleisch von gefallenen Pferden zu
sättigen; denn es gehörte jetzt unter die Leckerbissen und Seltenheiten, da nur
wenige Pferde der Armee sich über die Beresina retteten
Der echt moskowitische Winter hatte sich nun eingestellt und wehte mit er-
starrendem Hauch über alles Leben dahin. Müdigkeit, Hunger und Frost be-
haupteten eine solche Lähmungskraft, daß man sich, wenn man eine Stunde aus-
geruht zu haben wähnte, kaum mehr aufzurichten vermochte. Oft war die Kraft
des Willens bei den Stärksten gelähmt, und sie zogen es vor, in dumpfer Er-
starrung lieber den Tod zu erwarten, als sich zu neuen Martern emporzuraffen.
Die Opfer dieses ungewöhnlichen Frostes machten sich schon stündlich be-
merkbar; man sah häufig schon Erstarrte am Boden liegen oder solche, die sich
nicht mehr aufzurichten vermochten.
Ein Grenadier sah einen in Pelz gehüllten Obersten vor Ermattung und
Hunger hinsinken. Er glaubte ihn tot und eilte hinzu, sich seines Pelzes zu ver-
sichern. Noch richtete der Oberst mühsam das Haupt in die Höhe und stammelte:
„Peste, je ne suis pas mort.“ Der Grenadier trat einen Schritt zurück und er-
widerte kalt: „Eh bien, mon colonel, j'attendrai.“
Das Übermaß des Unglücks hatte alle Rangordnung aufgehoben. Man sah
in jenen Tagen viele höhere Offiziere, ja selbst Generale (einzeln unter den
Massen der Krieger verloren) bescheiden an dem Stabe zu Fuß auf dem Boden
wandernd, auf dem sie vor wenigen Monaten triumphierend eingezogen waren,
sich noch glücklich schätzend, wenn des Nachts im Biwak die Soldaten ihr Feuer
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