Metadata : Lesebuch zur Geschichte Bayerns.

36.  Augsburger  Studien.  199

mittelasterlichen  Malerei  zerbricht  und,  ohne  der  vaterländischen  Tradition  untreu
zu  werden,  eine  neue  Welt  des  Naturstudiums,  der  klassischen  Formenanmut
und  der  freien  modernen  Gedankenfülle  für  seine  Kunst  erobert.  Ist  Holbeins
äußeres  Leben  gleich  nicht  so  eng  an  seine  Vaterstadt  Augsburg  gefesselt  wie
das  Dürers  an  Nürnberg,  so  war  doch  seine  künstlerische  Entfaltung  eine  ebenso
charakteristisch  altaugsburgische,  als  er  zu  den  wahren  Propheten  der  Renaissance
im  edelsten  Sinne  zählt.

Doch  soll  hier  nicht  die  kunstgeschichtliche  Bedeutung  der  Augsburgischen
Malerschule  verfolgt  werden,  sondern  vielmehr  der  volkstümliche  Einfluß
dieser  Kunst,  der  in  Augsburg  höher  entwickelt  ward  als  irgendwo  in
Deutschland.  Schon  die  Straßen  der  Stadt  predigen  diese  Tatsache.  Vor
50  Jahren  noch  sollen  sie  anzuschauen  gewesen  sein  wie  ein  großes  Bilderbuch,
dessen  Blätter  die  mit  Fresken  bedeckten  Häuserwände  waren.  Jetzt  nimmt  sich
dieses  Buch  freilich  fast  aus  wie  eine  Fibel,  die  unter  die  Hände  allzu  bildungsbegieriger
  Kinder  geraten  ist;  die  eine  Hälfte  der  Blätter  ist  herausgerissen,
die  andere  zerfetzt.

Aber  trotzdem  kann  man  aus  diesen  zerstückten  Blättern  noch  immer  eine
Bilderchronik  des  innern  Volkslebens  der  alten  Reichsstadt  zusammensetzen,  die
klarer  belehrt  und  anschaulicher  als  die  meisten  gedruckten  Geschichtswerke.  Ich
selber  habe  jahrelang  die  vielen  Straßengemälde  betrachtet  und  wieder  betrachtet
  und  Augsburgische  Geschichte  daraus  gelernt,  bevor  mir  irgend  eine
andere  Chronik  der  Stadt  in  die  Hand  gekommen  war.  Denn  dies  ist  überhaupt
  eincs  der  wichtigsten  Handwerksgeheimnisse  des  Volksstudiums,  daß  man
die  lebendigen  und  die  monumentalen  Quellen  erforscht,  ehe  man  die  geschriebenen
  auch  nur  von  ferne  ansieht.  Dadurch  lesen  wir  Neues  aus  den  letzteren
  heraus,  während  wir  bei  der  umgekehrten  Methode  nur  die  toten  alten
Historien  in  die  lebendige  Gegenwart  hineinbuchstabieren.

Die  Augsburger  Haussresken  bekunden  zuvörderst  eine  merkwürdige  kunstgeschichtliche
  Tatsache.  Ausgezeichnete  Meister  versuchten  sich  in  ihnen,  vor  allen:
Hans  Burkmeyer,  Albrecht  Altdorfer,  Hans  Rottenhammer,
Matthias  Kager,  Johann  Holzer,  Julius  Licinius,  genannt  der  jüngere
Pordenone,  Antonio  Ponzano.  Sie  malten  aber  fast  alle  diese  Fresken
mit  weit  mehr  Genie  und  Tüchtigkeit  als  ihre  übrigen  Bilder,  so  daß  man
sagen  kann,  sie  stellten  ihre  Meisterstücke  auf  die  Gasse  zum  Schmucke  schlichter
Bürgerhäuser.  Namentlich  gilt  dies  von  den  fünf  Letztgenannten.  Der  jüngere
Licinius  z.  B.,  ein  arger  Manierist,  würde  mit  Recht  ganz  vergessen  sein,  wenn
er  seine  Augsburger  Fresken  nicht  gemalt  hätte,  ein  kolossales  mythologischallegorisches
  Werk  an  dem  Hause  des  reichen  Hieronymus  Rehlinger  in  der
Philippine-Welserstraße,  ein  Rokokostück  voll  der  abenteuerlichsten  Phantasie,
dessen  Sinn  und  Verstand  gewiß  kein  Sterblicher  mehr  enträtseln  kann,  aber
bei  aller  barocken  Manier  so  übermütig  keck  und  mit  so  flottem,  breitem  Pinsel
auf  den  Kalk  geworfen,  daß  man  vor  Staunen  über  des  Meisters  Mut  und