Full text: Deutschland und der Weltkrieg.

  
128 HermannSchumacher 
Das gleiche gilt endlich, wieder aus anderen Gründen, von Rußland. 
Ist England ein Industrie= und Handelsstaat, der Erzeugnisse fremder 
Landwirtschaft in einem Maße wie noch nie ein Volk nötig hatte, so ist 
Rußland das größte Agrarland, das die Welt gesehen hat. Mit den 
Bodenerzeugnissen seines gewaltig gedehnten Landes muß es alles das 
bezahlen, was sein ungebildetes Volk an gewerblichen Erzeugnissen 
noch nicht in genügender Menge und ausreichender Güte hervorzu- 
bringen vermag, und mit ihnen muß es vor allem den Dienst für die 
größte Schuld bestreiten, die je ein Staat im Auslande aufgenommen 
hat. Heute kann Rußland, abgeschlossen von der Welt, die schwer trans- 
portablen Massenerzeugnisse seines Bodens nicht außerhalb der Gren- 
zen absetzen. Damit ist es nicht nur der Kraft beraubt, der es auf Grund 
glänzender Ernten dic günstigen Ergebnisse seiner Finanzen und den 
unverkennbaren Aufschwung seines Wirtschaftslebens letzthin zu dan- 
ken hatte, sondern es ist zugleich im Umlauf seiner wirtschaftlichen Kräfte 
so tiefgreifend gestört worden, daß jede Heilung hoffnungslos erschcei- 
nen muß. Da nur ein gesunder starker Industriestaat, wie Rußland es 
noch nicht ist, den modernen Krieg aus eigener Kraft zu führen vermag, 
so muß das Ergänzungsbedürfnis des russischen Staats und der russi- 
schen Volkswirtschaft mit jedem Kriegsmonat wachsen. 
Aur Deutschland hat es fertig gebracht, sich aus der Weltwirtschaft, 
so mannigfach es auch mit ihr verwachsen war, als völlig lebensvolles 
Gebilde loszulösen und im ganzen Bereich seiner Lebensbedürfnisse 
kraftvoll auf die eigenen Füße sich zu stellen. Mur Deutschland hat in- 
folgedessen mit seinen beiden Anleihen in Höhe von 13⅛½ Milliarden 
Mark den Krieg befriedigend finanzieren können. Aur Deutschland ver- 
mag die Nolle eines „#solierten Staates“ nach allen Seiten hin erfolg- 
reich zu spielen. Es wird aus dieser Tatsache, die ihm selbst eine Aber- 
raschung war, noch wichtige Folgerungen zu ziehen haben. 
IV. 
Die allseitige spstematische Entwicklung der inländischen Wirtschafts- 
krafte auf dem Gebiete der landwirtschaftlichen und gewerblichen Pro- 
duktion sowie des Geld= und Kreditwesens hat ihre Wirkungen mit 
Notwendigkeit auch über die Grenzen Deutschlands hinaus erstreckt. 
Denn die großen Mengen an Lebensmitteln und Bohstoffen, die Deutsch- 
land zur Ernährung und zur Beschäftigung seiner stetig wachsenden 
Bevölkerung aus allen Teilen der Welt im Frieden bezog — nur Eng- 
land hat eine noch größere Einfuhr aufzuweisen — mußten bezahlt 
werden. Sie konnten nur bezahlt werden mit Erzeugnissen deutscher