Der Bortrag des Epischen. 59
ihn gemacht hat, auch bei dem Hörer hervorrufen. Außerdem
bekommt die Erzählung von einem Augenzeugen mitgeteilt einen
migentümlichen Stempel der Wahrheit, der Wirklichkeit, der den
lebendigen Eindruck ungemein erhöht.
Die anderen Mittel der dichterischen Erzählung sind
Beschreibung, Schilderung und Einmischen des Lyrischen oder
mit anderen Worten Einmischen der dramatischen Form.
§ 37. Die Beschreibung teilt dem Hörer die Außerlichkeiten
bei den erzählten Vorgängen mit. Sie malt die Gegend,
die Umgebung, in denen etwas vorgeht, die äußere Erscheinung
der handelnden Personen 2c. aus, so daß in der Phantasie des
Hörers das Bild des Orts, wo etwas vorgeht rc., hervorgerufen
wird.
Die Schilderung beschäftigt sich damit einzelne Vorgänge
oder Handlungen in ihren einzelnen Umständen genau mitzuteilen,
so daß dem Hörer der Vorgang nicht als geschehen,
sondern als geschehend vor die Augen geführt wird. Die
Schilderung selbst kann nur bei Handlungen und Vorgängen
angewandt werden, die einen kürzern Zeitraum umfassen, die
wirklich oder scheinbar in derselben Zeit geschehen, in welcher sie
geschildert werden. Die Schilderung kann ferner nur bei Vorgängen
angewandt werden, deren Einzelheiten in der Zeit auf
einander folgen und bei denen der Raum nicht auseinander
liegt. Begebenheiten, die aus Einzelheiten bestehen, die gleichzeitig
oder in größeren Zwischenräumen der Zeit geschehen oder
deren Einzelheiten im Raume auseinander liegen, kann man nur
erzählen, vielleicht hier und da beschreiben, aber nicht schildern.
hl Die Schilderung ist die höchste, lebendigste Stufe der Erzählung.
Will der Erzähler das Bild der mitgeteilten Vorgänge
bei seinem Hörer besonders beleben, so mischt er die dramatische
Form ein, d. h. er läßt die handelnden Personen selbstredend
auftreten. Da Menschen immer das aussprechen, was sie denken
und fühlen, so kommt damit die Lyrik in die Epik.
Eine Erzählung bedient sich nun der angegebenen Mittel
abwechselnd. D. h. in einer Erzählung kommt Bericht, Erzählung,
Beschreibung, Schilderung, Auftreten der handelnden
Personen abwechselnd, durcheinandergemischt vor. Ist es z. B.
Absicht des Erzählers uns einen Vorgang zu schildern, so muß
er uns zunächst mit den Verhälmissen der Personen bekannt
machen, die er uns vorführt. Dies thut er kurz, in allgemeinen
Umrissen — er berichtet sie einfach. Danach muß er uns den