Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Februar 16.—17.) 59
sechs Frauen, und bei der Auswahl der Offiziere, die nach Ostafrika geschickt
werden, ist es für mich ein wesentliches Motiv gewesen, wenn die
Herren verheiratet waren und geneigt, ihre Frauen mit hinüber zu nehmen.
Denn es ist ja natürlich, daß, wenn draußen nur Kolonien von Männern
existieren, und wenn diese auch noch so gebildet sind — wenn ich auch dem
„Tropenkoller“ keine Wirkung zuschreiben will —, doch nach und nach das
gesellschaftliche und vielleicht auch das sittliche Niveau heruntergeht, wenn
solche Männer den Verkehr mit Frauen entbehren. Es hat mich also gefreut,
daß auch Damen hinübergegangen, die in der Lage sind, einen geselligen
Mittelpunkt zu bilden. Herr v. Scheele ist verheiratet, ebenso Herr
v. Wrochem, und der zweite François befindet sich in Windhoek mit seiner
Frau. Aber die Auswahl ist beschränkt; viele Verheiratete gehen nicht hinaus.
Es werden meistens nur junge Leute geneigt sein, hinüberzugehen,
und daß ein junger Mann, der herübergeht, den Gedanken dabei hat, etwas
zu erleben, auf die Jagd zu gehen, vielleicht einen Löwen zu schießen, daß
er ein Abenteuer erleben möchte, ist das etwas Sonderbares? Glauben Sie,
daß ein junger Offizier herübergehen wird, nur mit der Anwartschaft, bloß
Straßenpolizei in Tanga zu üben? Unter solchen Bedingungen bekommen
Sie keine Leute und das ist auch recht. Ich würde von solchem Menschen
nicht viel halten; die Leute gehen einmal hinüber, um etwas zu erleben.
Wir Deutsche sind darauf stolz, daß die Deutschen immer die Neigung gehabt
haben, andere Weltteile zu sehen, sich in ihnen um- und hervorzuthun.
Auch das tadle ich nicht.
Nun geraten Sie mit sich selbst in Widerspruch. Wie der Herr
Referent ausgeführt hat, ist die Kommission dafür gewesen, daß in Ostafrika
bei der Schutztruppe nicht das Patent der Heimat, sondern ein eigenes
Patent für Ostafrika den Rang und das Alter geben solle. Den Zustand
haben wir gehabt. Wir haben ihn abgeschafft, weil es nicht geht;
und es geht nicht, weil wir ganz junge Leute, menschlich ganz junge Leute,
nicht in hohe Stellungen bringen mögen, wo sie weder die Reife, noch auch
die Lebenserfahrung haben, um überhaupt andere zu kommandieren. Wir
haben die Erfahrung gemacht, daß wir im allgemeinen besser wegkommen,
wenn wir diejenigen, die hier den höheren Rang haben, auch dort mit dem
höheren Rang bekleiden. Man hat ja immer die Möglichkeit, wenn jemand
mit einem älteren Patent hinkommt, ihn in dem Maße zu verwenden, daß
er erst Erfahrungen in Afrika macht; aber wenn er sie gemacht hat, wird
er im Durchschnitt wertvoller sein, als ein junger thatenlustiger Afrikaner
— ganz abgesehen davon, daß ein älterer Mann sich ja schwer unter einem
jüngeren Afrikaner fügen wird.
Nun, meine Herren, aber zu den Mißerfolgen! Wo liegen denn die
eigentlich: Zuerst in Bezug auf Kamerun! Also, wir haben in Kamerun
jahrelang gut und billig gewirtschaftet, bis die Reste einer Expedition nach
Kamerun gekommen waren, schwarze Menschen, der wildesten und unbändigsten
Art. Die bleiben da, man kann sie nicht wegschicken, sie würden
sonst wieder, was sie waren, Sklaven werden; man hat sie freigekauft, man
sucht sie zu behalten, man verwendet die Männer bei der Schutztruppe, die
Frauen als Arbeiterinnen. Nun werden Sie zugeben, schwarze Frauen
zum Arbeiten anzuhalten, die nicht die Neigung zur Arbeit haben, ist
schwierig; und ich wiederhole, was ich gestern gesagt habe: ich will über
das, was geschehen ist, nicht weiter reden, weil ich nichts näheres weiß; es
ist ja ein Beamter hinübergeschickt, um die Sache zu untersuchen. Nun
fühlen die Männer — den Begriff „Männer“ im afrikanischen Sinne genommen,
nicht in dem von Ehegatten im christlichen Sinn — die Männer
dieser Frauen sich durch das, was den Frauen geschehen ist, gedrückt. Ich