Full text : Unser Preußen.

6.  Preußens  Fall  und  Wiederaufrichtung  unter  Friedrich  Wilhelm  III.  195

Welt  verkünden,  daß  die  große  Armee  vernichtet,  daß  aber  die  Gesundheit
Sr.  Majestät  niemals  besser  gewesen  sei  als  jetzt.  Das  deutsche  Volk  be—
trachtete  dieses  Unglück  Napoleons  als  ein  Gottesgericht  und  sang  damals:

Mit  Mann  und  Roß  und  Wagen,  Trommler  ohne  Trommelstock,

So  hat  sie  Gott  geschlagen!  Kürassier  im  Weiberrock,

Es  irrt  durch  Schnee  und  Wald  umher  Ritter  ohne  Schwert,  Reiter  ohne  Pferd.
Das  große,  mächt'ge  Franzenheer;  Speicher  ohne  Brot,  allerorten  Not,
Der  Kaiser  auf  der  Flucht,  Wagen  ohne  Rad,  alles  müd  und  matt.
Soldaten  ohne  Zucht.  Kranke  ohne  Wagen,

Jäger  ohne  Gewehr,  Kaiser  ohne  Heer,  So  hat  sie  Gott  geschlagen.

Heer  ohne  Kaiser,  Wildnis  ohne  Weiser.  (Ferd.  August.)

Daß  Kaiser  Alexander  alle  Anerbietungen  Napoleons  zurückwies,  war
vor  allem  Steins  Werk;  er  brachte  den  Zaren  auch  leicht  zu  dem  Entschluß,
den  Krieg  über  die  deutsche
Grenze  zu  tragen  und  dadurch
Preußen  mit  fortzureißen.
Dann  eilte  er  selber  mit  Arndt
nach  Preußen.  Dort  hielten
alle  die  Zeit  für  gekommen,
das  verhaßte  Joch  abzuwerfen;
der  König  war  zum  Kriege
entschlossen  und  unterhandelte
eifrig  mit  Osterreich  und  Nußland.
  Daß  Napoleon  neue
Hilfstruppen  verlangte,  gab
die  Möglichkeit,  die  Reserven
einzuziehen,  ohne  den  Argwohn
  der  Franzosen  zu  erregen;
  denn  ein  offener  Abfall
war  bei  der  in  den  Elb-,
Oder=  und  Weichselfestungen
liegenden  französischen  Besatzung
  unmöglich.  Das  preu--hische
  Volk  braunte  vor  Kampfbegierde  und  wartete  mit  wachsender  Ungeduld
auf  den  Ruf  des  Königs;  da  machte  die  kühne  That  des  Generals  Dork  dem
Harren  ein  Ende.

Hans  David  Ludwig  von  York  war  1759  als  Sohn  eines  preußischen
Offiziers  in  Potsdam  geboren  und  schon  mit  13  Jahren  als  Junker  ius  Heer  eingetreten,
  dann  aber,  weil  er  seinem  Hauptmann  wegen  Plünderung  im  Feldzuge
Vorwürfe  gemacht  hatte,  von  Friedrich  dem  Großen  entlassen  worden.  In  holländischen
Diensten  hatte  er  sich  am  Kap  und  auf  Ceylon  ehrenhaft  geschlagen,  war  unter
Friedrich  Wilhelm  II.  in  den  preußischen  Dienst  zurüickyekehr.  jatte  mit  Auszeichnung
an  der  Schlacht  bei  Jena  und  au  Blüchers  Zu  e  nach  Lübeck  teilgenommen  und
beim  Uberschreiten  der  Elbe  bei  Altenzaun  durch  geschickte  Kämpfe  die  weit  überlegene
  französische  Ubermacht  stundenlang  aufgehalten.  Dork  war  von  unerbittlicher
Strenge  und  eisernem  Willen,  wortkarg,  „scharf  wie  gehacktes  Eisen“,  der  Blick  des
„alten  Isegrim“  durchbohrend,  nie  freundlich.  Dennoch  hing  die  Mannschaft  an
ihm;  denn  sie  kannte  seinen  Gerechtigkeitssinn,  seinc  große  praktische  Tüchtigkeit  und
seine  Fürsorge  für  sie.

 

13