222 Zweiter Zeitraum.
hatte sich ihm mit 6000 Mann angeschlossen. Die Preußen vereinigten sich,
150000 Mann stark, an der Maas und Sambre; aber es waren meist junge
Truppen, die in dem nicht freundlich gesinnten Lande recht schlecht verpflegt
wurden. Die größeren Heere der Verbündeten waren noch zurück. Doch der
alte Blücher hatte guten Mut. Aus Lüttich schrieb er: „Die Franzosen habe
ich vor mich, die Russen hinter mich, bald wird es knallen.“ Napoleon hatte
rasch aus altgedienten Soldaten ein Heer von 130000 Mann gesammelt, das
beste, das er je ins Feld geführt hat; dennoch konnte er nur einen Sieg erringen,
wenn es ihm gelang, die Heere einzeln, vor ihrer Vereinigung zu
schlagen. Deshalb rückte er mit seinen Truppen so rasch wie möglich vor;
seine Garde ließ er auf Wagen von Paris bis an die Grenze bringen.
Wellingtons Heer lagerte um Brüssel; seine Vorposten standen in
Quatrebras, wo sich die beiden Straßen nach Brüssel und nach Namur
schneiden. Südlich von ihm in Charleroi stand Blücher, doch war Bülow
noch bei Lüttich und Namur zurück. Schon am 14. Juni erkannten die
preußischen Vorposten an dem Scheine der Wachtfeuer die Nähe der französischen
Armee und benachrichtigten darüber Wellington, der aber die Richtigkeit
der Nachricht bezweifelte. Doch am 15. griff Napoleon die Preußen an,
die zurückwichen und auch Charleroi nach heftigem Kampfe räumten. Dann
teilte er sein Heer; mit 75000 Mann zog er gegen Blücher, der sich bei
Ligny in Schlachtordnung stellte, die anderen Truppen unter Ney erhielten
Befehl, auf der Brüsseler Straße abzumarschieren und Blücher in die rechte
Flanke zu fallen. Aber bei Quatrebras stießen sie am 16. Juni unvermutet
auf englische, schottische und hannoversche Regimenter, die erst nach und
nach auf dem Kampfplatze eintrafen, aber hartnäckig widerstanden und den
Durchbruch Neys verhinderten. Hier fand auch der tapfere Herzog Friedrich
Wilhelm von Braunschweig einen ehrenvollen Soldatentod. Blücher
hatte die Schlacht bei Ligny trotz der ungünstigen Stellung nur angenommen,
weil Wellington ihm noch mittags bei einer persönlichen Zusammenkunft
versprochen hatte, spätestens um vier Uhr in das Gefecht mit einzugreifen.
Mit großer Erbitterung auf beiden Seiten wurde bei drückender
Hitze den ganzen Nachmittag um La Haye und Ligny gestritten. Nur zwei
preußische Korps hatten die ganze Wucht des französischen Angriffs auszuhalten,
das dritte wurde durch einen Scheinangriff Napoleons in Schach gehalten;
dennoch war Ligny um acht Uhr noch von Preußen besetzt, und
Wellingtons Eintreffen hätte sofort den Sieg herbeigeführt. Aber er kam
nicht, weil er selber im Kampfe war. Gegen Sonnenuntergang führte
Napoleon seine wohlgeschonte Reserve, die alte Garde, ins Gefecht und durchbrach
damit das preußische Centrum. Vergebens stellte sich Blücher selber
mit gezogenem Säbel an die Spitze seiner ihm zujubelnden Reiter; aller
Widerstand war nutzlos. Das Pferd ward dem alten Helden unter dem
Leibe getötet und bedeckte ihn im Fallen. „Nostiz,“ rief er seinem Adjutanten
zu, „nun bin ich verloren!“ Dieser stellte sich mit gezogener Pistole neben
seinen Herrn. Die Franzosen sprengten vorüber, ohne ihn zu beachten, preuhische
Landwehrreiter hinter ihnen her. Da gelang es Nostiz, einige herbeizuwinken,
die den greisen Helden befreiten und wieder aufs Pferd setzten.