Full text : Lesebuch für die katholischen Volksschulen des Regierungsbezirks Düsseldorf. Zweiter Teil: Mittelstufe. (2)

—  33  —

Sieh,  wie  so  herrlich  mich  Gott  hat  geschmückt!
Flügel  hab'  ich,  mit  Gold  gesticht,
einen  Mantel,  mit  Sammet  belegt,

10  wie  ihn  der  Kaiser  nicht  schöner  trägt!
fich,  und  die  ganze  prächtige  Sier
wolltest  du  grausam  zerstören  mir?
Wolltest  mit  deinem  spitzigen  Eisen
mir  das  fröhliche  Herz  zerreißen?

15  Lieber  Knabe,  ach  laß  mich  leben!
Gott  hat  uns  beiden  den  Sommer  gegeben;
mir  und  dir  auch  ein  herz  dabei,
das  gern  glüchlich  schlägt  und  frei.“

Da  ließ  der  Knabe  die  Nadel  sinken.
20  „Geh,“  rief  er,  „wohin  dir  die  Blumen  winken!
Wir  wollen  uns  beide  des  Sommers  freun
und  springen  und  jauchzen  und  lustig  sein!“

38.  Das  Kätzchen  und  die  Stricknadeln.
Von  Ludwig  Bechstein.

Es  war  einmal  eine  arme  Frau,  die  ging  in  den  Wald,  um  Holz
zu  lesen.  Als  sie  mit  ihrer  Bürde  auf  dem  Rückwege  war,
sah  sie  ein  krankes  Kätchen  hinter  einem  Zaune  liegen,  das  kläglich
schrie.  Die  arme  Frau  nahm  es  mitleidig  in  ihre  Schürze  und
trug  es  nach  Hause.  Auf  dem  Wege  kamen  ihre  beiden  Kinder
ihr  entgegen,  und  als  sie  sahen,  daß  die  Mutter  etwas  trug,  fragten
  sie:  „Mutter,  was  trägst  du?“  und  wollten  gleich  das  Käthen
haben.  Aber  die  mitleidige  Frau  gab  es  ihnen  nicht,  aus  Sorge,
sie  möchten  es  quälen,  sondern  sie  legte  das  Kätzchen  zu  Hause  auf
alte  weiche  Kleider  und  gab  ihm  Milch  zu  trinken.  Als  das  Kät
chen  sich  gelabt  hatte  und  wieder  gesund  war,  war  es  mit  einem
Male  fort  und  verschwunden.

Nach  einiger  Zeit  ging  die  arme  Frau  wieder  in  den  Wald,
und  als  sie  mit  ihrer  Bürde  Holz  wieder  an  die  Stelle  kam,  wo
das  kranke  Kätzchen  gelegen  hatte,  da  stand  eine  ganz  vornehme
Dame  dort.  Die  winkte  die  arme  Frau  zu  sich  und  warf  ihr  fünf
Stricknadeln  in  die  Schürze.  Die  Frau  wußte  nicht  recht,  was  sie
denken  sollte;  es  dünkte  diese  absonderliche  Gabe  sie  gar  zu  gering.
Doch  nahm  sie  die  fünf  Stricknadeln  mit  sich  und  legte  sie  des
Abends  auf  den  Tisch.  Aber  als  die  Frau  am  andern  Morgen
ihr  Lager  verließ,  da  lag  ein  Paar  neue  fertig  gestrickte  Strümpfe
auf  dem  Tische.  Das  wunderte  die  arme  Frau  über  alle  Maßen:

Lesebuch  für  Mittelklassen.  D.  3