Full text : Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Erster Band Erste Hälfte.

Leirsiz  als  universaler  Denker  und  Organisator.  13

schen  hielt  er  sich  nicht  auf;  es  fiel  von  selber  ab‘.  Diese  Fähigkeit
  —  Goertne  hat  sie  Wahrheitsliebe  genannt  —  ermöglichte  es
ihm,  einen  Reiehthum  von  Gedanken  ceinzusammeln,  wie  ilın  kein
Sterblicher  vor  ilım  besessen  hat;  sie  entwickelte  zugleich  in  ihm
jene  Universalität,  die  ihn  überall  heimisch  machte.  Die  alte,  auf
der  kirchlichen  Überlieferung  beruhende  Welt-  und  Lebensanschauung
hatte  stets  mit  dem  »Entweder-Oder«  gearbeitet  und  damit  vieles

Herrliche  entwerthet;  aber  auch  die  ncue  schickte  sieh  an  —  in
entgegengesetzter  Weise  —  ein  »Entweder-Oder«  aufzurieliten.  Daher

  ist  es  von  höchstem  Werthe  gewesen,  dass  in  Lrissız  die  Zeit
einen  Führer  erhielt,  der  in  der  grossen  Epoche  des  Umschwungs
die  Selbständigkeit  des  geistigen  Lebens  anerkannte,  der  nicht  nur
die  einzelnen,  sich  trennenden  \Vissenschaften  zusammenfasste.  sondern
  auch  in  den  Wissenschaften  selbst  die  Spannungen  zu  beseitigen
  und  die  Klüfte  auszufüllen  trachtete.  Wie  die  Natur,  seine
Lehrmeisterin,  konnte  er  nichts  Leeres  dulden,  und  wie  sie  suchte
er  allem  Lebendigen  sein  Recht  auf  Existenz  und  Fortexistenz  zu
lassen:  denn  in  der  Fülle  des  Individucllen  schaute  er  das  Universum
an  und  seine  Harmonie.  Im  ihm  lebte  der  Totalsinn  Srıixoza’s,  aber
verbunden  mit  der  Ehrfurcht  vor  allem  Besonderen  und  Selbständigen
  und  vertieft  durch  die  deutlichste  Einsicht,  dass  die  Erkenntiss
  jedes  Objeets  eine  besondere  Metlıode  verlange”.

!  In  dieser  Fähigkeit  des  Geistes  ist  Diveror  Lrısvız  verwandt  (»Ich  lese
die  Menschen«.  schreibt  er  einmal.  »wie  die  Bücher;  ich  beschwere  mein  Gedächtniss
  nur  mit  Dingen.  welche  gut  und  naclahmenswertli  sind«).  Auch  in  dem  freudigen
  Optimismus,  der  Duldsamkeit.  der  (Güte  und  der  steten  Hülfsbereitschaft  sind
sie  sich  ähnlich,  so  diametral  entgegengesetzt  ihre  Philosophie  ist.

®2  „Ich  habe  gelernt«,  sagt  er  einmal,  »dass  ınan  sich  in  der  Mathematik  auf
den  Scharfsinn,  in  der  Naturwissenschaft  auf  Experimente.  bei  den  göttlichen  und
menschlichen  Gesetzen  auf  Autorität,  in  der  Geschichte  aber  auf  Zeugnisse  stützen
muss«  (vergl.  den  Brief  an  Zacacnı  vom  8.  Mai  1704  auf  der  hannov.  Bibliothek:
»Ego  dudum  effeei,  ut  intelligerent  nostri,  quod  olim  minus  eurabatur,  historiam
monunmentis  immxam  esse  debere«).  In  der  Mediein  wollte  er  von  den  berühwtesten
  Theoretikern  nichts  wissen,  weil  man  auch  hier  nur  aus  Beobachtungen  und
Entdeckungen  etwas  lernen  könne.  Er  hielt  sie  neben  der  Ethik  für  die  wichtigste,
zugleich  aber  für  die  schwierigste  Wissenschaft.  »Virtus  et  sanitas  —  caetera  adjieientur
  nobis«,  war  sein  Wahlspruch.  Gern  verglich  er  die  Mediein  mit  der  Kriegswissenschaft,
  die  beide  deshalb  so  schwierig  seien,  weil  sie  von  so  vielen  Zufälligkeiten
  abhingen.  —  Die  Fähigkeit.  jede  Diseiplin  nach  ihrer  Eigenart  zu  fassen,
alles  Schematisiren  zu  vermeiden,  da  es  die  Eigenthünlichkeit  der  Objeete  verwische,
und  die  instinetive  und  geniale  Einsicht  in  Bezug  auf  das  Maass  dessen.  was  die
Zeit  an  Neucım  zu  ertragen  vermochte.  sind  vielleicht  die  grössten  Eigenthünmlichkeiten
  seiner  Begabung  gewesen.  Obgleich  er  eine  radicale  Umwälzung  der  Weltanschauung
  einleitete.  schien  er  doch  ein  eonservativer  Mann  zu  sein.