Anleitung zum Lesen der alten Schriftsteller. 261
ständige Nachübersetzung, als eine fließende, die aus nachgeschriebenen und
dem Gedächtnis eingeprägten Brocken zusammengesetzt ist.
Nach welcher Methode man auch unterrichten mag, das Übersetzen und
Nachübersetzen wird auf allen Stufen des fremdsprachlichen Unterrichts, namentlich
des altsprachlichen, eine große Rolle spielen. Sorgen wir aber dafür, daß
es nicht eins und alles werde. Der alte Schriftsteller soll allerdings nicht zu
einem Substrat für Betrachtungen, die ihm fremd sind oder in nur lockerer
Beziehung zu ihm stehen, verwendet werden; aber ein Übersetzen ohne angeknüpfte
Erklärungen wäre doch ein seelenloses Ding. Namentlich Lateinisches
und Griechisches, d. h. unserer modernen Sprech- und Denkart Fernliegendes
lesend, wird der Gereifte dem Anfänger immer viel zu sagen finden, um den
Wortsinn scharf erfassen zu lassen, um die Gedankenausprägung zu beleuchten,
um das kleine, ihm gebotene Stück Altertum zu beleben, als Vertreter des
Ganzen erscheinen zu lassen und neben die entsprechenden Gegenbilder des
modernen Lebens zu stellen. Viel wichtiger als das dem bequemen Mißbrauch
leicht zugängliche Nachübersetzen ist am Anfang jeder Stunde die durcharbeitende
Besprechung des in der vorhergehenden Stunde Gelesenen und die Vorbereitung
auf das Kommende. Das eben Gelesene in seine Wurzeln und Verzweigungen
verfolgend, müssen diese durch Fragen fortwährend belebten, aber
zugleich auch viel nicht wieder Abzufragendes bietenden Erörterungen dem
Ganzen des Altertums zustreben. Je leichter sich ein alter Schriftsteller für
solche Betrachtungen verwenden läßt, um so geeigneter ist er für die Schullektüre.
Ganz ertraglos wird ja keiner sein; aber es ist klar, daß einfachen
kriegsgeschichtlichen oder politischen Berichten weniger Speise des Lebens abzugewinnen
ist als den monumentalen Werken der eigentlichen Literatur.
Jul. Keyzlar, Theorie des Übersetzens aus dem Lateinischen (Wien); P. Cauer,
Die Kunst des Übersetzens (Weidmann); C. Bardt, Die Technik des Übersetzens
(Teubner); J. Keller, Die Grenzen der Übersetzungskunst (Pr. Karlsruhe 1892).
6. Anleitung zum Lesen der alten Schriftsteller. Für die Lektüre
auf der untersten Stufe bedarf es keiner besonderen Anleitung. Hier wird
ja Zurechtgemachtes, genau auf die Bedürfnisse und Kenntnisse des Schülers
Berechnetes geboten. Die Sache ändert sich aber mit einem Schlage, sobald
lateinische Originaltexte zu bewältigen sind. Mögen diese auch noch so einfach
sein, sie werden immer nicht weniges enthalten, was dem Schüler noch unbekannt
ist und deshalb verwirrend auf ihn wirken muß. Zunächst gehen die
fremdsprachlichen Originaltexte stets über den Kreis des erworbenen Vokabelschatzes
hinaus. Soll man dem Schüler nun das Fehlende einfach vorher mitteilen
oder ihm gedruckte Präparationen in die Hand geben? Oder soll man
ihn an ein Spezialwörterbuch oder einfach an das allgemeine lateinische Wörterbuch
verweisen? Was die Originalstücke des lateinischen Lesebuches auf der
untersten Stufe betrifft, so pflegt ihr sprachliches Material in einem angehängten
Wörterbuch ausreichend erklärt zu werden. Für Cornelius Nepos, Cäsar, Ovid,
für die Anabasis und für Homer wird dann wohl ein Spezialwörterbuch
gestattet. Hinlänglich erstarkt und auch hinlänglich geübt im Gebrauch des