Full text: Materialien der Deutschen Reichs-Verfassung. Band III (3)

Generaldebatte. Ewald. 1275 
Ende die große Hauptsache hier zu sein scheint, auch Oesterreich kann sich 
danach mit Recht ein Deutsches Reich nennen, weil in jenem Reiche ebenso 
wie in diesem auch Nichtdeutsche sind; der Grund ist derselbe: heißt dieses 
Reich das Deutsche Reich, so kann auch dort noch ein anderes Deutsches 
Reich mit demselben Grunde sich so nennen. Darum, wollen wir durchaus 
den Namen „deutsch“ beibehalten, so müssen wir doch wohl wie es mir 
scheint sagen: hier soll gegründet werden das preußisch-deutsche Reich, 
(Heiterkeit) oder, wenn Sie es noch kürzer ausdrücken wollen: hier soll ge- 
gründet werden das preußische Kaiserthum. Und dieser Name wäre noch 
aus dem Grunde viel passender wie es mir scheint, weil das Verbältniß der 
Preußen und der Nichtpreußen, wie sie in diesem Reiche jetzt zusammen 
stehen, eine vollkommene Ungleichheit in diesem Reiche in sich schließt. Nur 
in dem Falle, den ich wünsche: daß die annektirten Länder wieder frei werden, 
— wücde sich das Verhältniß der Gleichheit zwischen Preußen und Nichtpreußen, 
namentlich auch hier in dem Reichstage, annähernd wieder herstellen. Be- 
trachte ich nun endlich drittens weiter das Kaiserthum selbst nicht blos 
seinem Namen nach sondern vielmehr nun auch seinem Wesen nach, das 
Kaiserthum, wie es hier nach dem uns vorgelegten Gesetzesentwurfe gegründet 
werden soll, so scheint mir ein ungemein weiter, ja ein unausfüllbarer Ab- 
stand zwischen diesem Kaiserthum und dem alten Deutschen Kaiserthum da 
zu sein. Das alte Deutsche Kaiserthum war nicht zunächst die allgewaltige 
Macht, welche das ganze Deutsche Volk wo möglich als Kriegsvolk mit allen 
Kriegswaffen und Kriegsmitteln und Kriegsschätzen in ihre Hand zusammen- 
drängte; das alte Deutsche Kaiserthum war vor Allem die erhabene, milde, ver- 
söhnende Macht höherer Gerechtigkeit, welche gleichmäßig über allen Gliedern des 
Reiches waltet, welche vorzüglich auch den Unterdrückten gegen die Gewalt- 
thätigkeiten der Mächtigeren hilft. Jenes Kaiserthum war schon danach so 
sehr nicht sowohl von sinnlicher als von geistiger Bedeutung, daß es von 
den Zufälligkeiten einer menschlichen Herrschaft oder eines fürstlichen Ge- 
schlechtes, eines vorherrschenden Stammes, einer Hauptstadt vollkommen un- 
abhängig war, und daß es sogar nicht wie irgend ein anderes sinnliches 
Ding als ein Erbstück betrachtet wurde, welches nothwendig vom Vater auf 
den Sohn übergehen müßte. Daher herrschte denn auch in jenem alten 
Reiche so viele Gleichmäßigkeil der Bildung, ein so weit verbreiteter Wohl- 
stand, ein solcher wahrer Wetteifer aller einzelnen Stämme und Reiche und 
Völker in Allem, was den Wetteifer hervorrufen kann, in Handel und Wan- 
del, in Künsten und Wissenschaften, in Schulen und Universitäten. Wenn 
nun jenes alte Reich (in welchem der Kaiser keinen Augenblick denken konnte, 
die höchste Macht über alle Deutschen Völker und Fürsten klebe ihm und 
seinem Hause etwa wie ein Erbstück an, so daß er sie nothwendig haben 
müsse, — ein Glaube, eine Meinung, woraus nach dem Zeugniß aller Ge- 
schichte in allen Jahrhunderten Nichts am Ende entsprossen ist als Einbil- 
dung, Willkür und Despotie) — wenn, sage ich, das alte Deutsche Reich all-
	        
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