972 I. Session des deutschen Reichstages.
schauung entgegengetreten wird, nichts Anderes ist, als daß man der katho-
lischen Kirche die Grundrechte, wie sie bis jetzt ihr gegeben worden sind, zu
geben sich weigert; und eben weil das geschieht, und weil ich das von se
großer Wichtigkeit halte, daß sie ihr gegeben werden, weil ich das für die
Zukunft des Deutschen Reiches für überaus wichtig halte, darum habe ich
mir erlaubt, heute um das Wort zu bitten. Lassen Sie mich nun zunächst,
meine Herren, auf einige spezielle Gründe, die uns vorgetragen sind, ein-
gehen. Ich kann nicht umhin, mich gegen den Herrn Abgeordneten Miquel
zu wenden, der uns da zunächst mit dem „Vaterland“ aus Baiern entgegen-
getreten ist. Es ist schon darüber gesprochen worden, und ich bedaure, noch
einmal davon sprechen zu müssen. Ich war selbst Zeuge — und Herr Miquel
muß es auch gewesen sein, — als im Zollparlament der Zusammenhang, den
man schon damals zwischen dem „Vaterland“ und der süddeutschen Fraktion
finden wollte, geradezu und ausdrücklich desavouirt worden ist; und daswieder her-
vorzuheben, in diesem Augenblicke hervorzuheben, was keinem Einzigen nicht einmal
zu denken viel weniger auszusprechen in den Sinn gekommen ist. — diese Sätze jetzt
wieder hervorzuheben, wozu soll das führen? Was ist für eine Absicht darin,
unserer Fraktion eine solche Gesinnung vorzuhalten, als würden wir daran
betheiligt sein! Meine Herren, wenn man von solchen Mitteln Gebrauch
machen will, was würde uns hindern, Journalartikel aus der Tasche zu ziehen,
mit denen man uns bei unseren Wahlen im Süden entgegengetreten ist? Ich
könnte Ihnen nachweisen, daß man Vaterlandslosigkeit, Heimatlosigkeit, Zelo-
tentbum, daß man alle möglichen Dinge und Persönlichkeiten gegen uns ge-
braucht hat; sollte ich etwa Sie dafür verantwortlich machen? Und in an-
deren Artikeln ist, das wissen Sie weohl, ausführlich hervorgehoben worden,
daß dieses neue Deutsche Kaiserreich der Hort des Protestantismus sein werde,
das sei nun einmal das Reich, das den Katholizismus in seine Schranken
zurückführen würde, und der Katholizismus selbst müsse zu einer nationalen
Kirche werden, losgetrennt von seinem Oberhaupte, denn anders würde Deutsch-
land nie ein einiges Reich werden! Hat das nicht in solchen Artikeln ge-
standen? Und wenn ich Ihnen das vorhielte und sagte, dafür sind Sie ver-
antwortlich, würde das ein richtiges Verfahren sein? Meine Herren, derselbe
Herr Redner hat uns gesagt, die Grundrechte an sich wären schon gut, aber
daß man die katholische Kirche als eine Weltkirche gleichstellte der protestan-
tischen und ihr diese Rechte gebe, das sei nicht in der Ordnung, denn die
katbolische Kirche werde einen ganz anderen Gebrauch vermäöge ihrer festen
Organisation daron machen, als es andere Kirchen vermögen. Das ist richtig,
das ist ganz gur denkbar. Ich möchte aber fragen, warum Sie, wenn es
sich darum handelt, ein Recht zu geben, dies Demjenigen vorenthalten wollen.
der nicht dafür kann, daß ein Anderer einen Gebrauch nicht davon machen
kann. Sind wir denn dafür verantwortlich, daß der Protestantismus davon
den Gebrauch nicht machen kann wie der Katholizismus? (Sehr gut rechts.)
Meine Herren, man hat von derselben Seite von der weltlichen Herrschaft