Full text : Preußische Geschichte. Dritter Band. (3)

IV.  Schwankungen  und  Umsturz  der  europäischen  Politit.  71

geschobenen  russischen  Truppen  hätten  den  Rückmarsch  angetreten.
Seinerseits  anzugreifen  fiel  ihm  nicht  ein,  und  nichts  lag  ihm
ferner  als  Eroberungspläne,  wie  man  sie  ihm  neuerdings  schuld
gegeben  hat.  Wohl  liebte  er  es  —  wie  jeder  Mann  in  ähnlicher
  Stellung  —  in  Stunden  der  Muße  seine  Gedanken  in
eine  ferne  Zukunft  spazieren  gehen  zu  lassen  und  sich  für  seine
Nachkommen  ihn  drückende  Sorgen  als  beseitigt  und  in  der
Stille  gehegte  Wünsche  als  erfüllt  auszumalen.  So  hat  er  in
einer  als  „Politisches  Testament“  bezeichneten  und  vom
27.  August  1752  datierten,  das  heißt  an  diesem  Tage  abgeschlossenen
  Aufzeichnung,  der  eine  aktnelle  Bedeutung  nicht
zukam,  als  „chimärische  Pläne“,  das  ist  als  vielleicht  später  einmal
  unter  günstigen  Umständen  erreichbar  zu  denkende,  die
Erwerbung  Sachsens  und  des  polnischen  Preußen  hingestellt.
Daß  er  1756  den  Zeitpunkt  zu  ihrer  Verwirklichung  für  gekommen
  gehalten  und  in  dieser  Absicht  die  Waffen  ergriffen
habe,  ist  eine  völlig  unerweisbare  Vermutung.  Und  wenn
man  gemeint  hat,  er  habe  seine  wahre  Absicht  nur  so  geschickt
zu  verbergen  und  auch  für  die  Nachwelt  rechtzeitig  jede  Spur
davon  zu  verwischen  gewußt,  so  widerlegt  sich  eine  solche  Annahme
  schon  durch  die  Erwägung,  welche  Verlogenheit  und
welche  Verstellungskunst  dazu  gehört  hätte,  um  alle  seine  Räte
und  Gehilfen,  militärische  sowohl  wie  diplomatische,  um  selbst
den  in  seine  diplomatische  Aktion  tief  eingeweihten  getreuen  Eichel
so  zu  täuschen,  daß  sie  alle  ihn  von  einem  Angriff  bedroht  und
im  Stande  der  Notwehr  befindlich  gewähnt  haben  sollten,
während  er  thatsächlich  rechtlose  Eroberung  plante!  Und  selbst
wenn  man  Friedrich  zutraut,  er  habe  in  der  verantwortungsschwersten
  Zeit  seines  Lebens  eine  solche,  obenein  eigentlich
zwecklose  Komödie  gespielt  —  wie  sollte  der  König  nachher  in
der  geschichtlichen  Darstellung  dieser  Vorgänge  die  Fiktion  von
der  ihm  aufgedrungenen  Notwehr  mit  den  Jahre  vorher  ergangenen
  schriftlichen  Aeußerungen  von  freundlicher  und  feindlicher
  Seite  in  so  wunderbare  Uebereinstimmung  haben  bringen
können?  Daß  Friedrich  im  Frühjahr  1756  den  Krieg  nicht
gewollt,  nicht  provoziert  hat,  sondern  froh  war,  ihn  mit  Einstellung
  des  russischen  Vormarsches  auf  ein  Jahr  vertagt  zu